Von Reinhard Baumgart

Für die Literaturgeschichte stand das Datum eigentlich schon fest: Die letzte Tagung der Gruppe 47 war 1967 in der Pulvermühle gewesen. Aber mit dem Eigen- und Ordnungssinn Hans-Werner Richters hat die Literaturgeschichte nicht gerechnet. Ihn, der diesen Literaten-Klub immer mit einer hierzulande unüblichen Mischung aus Lässigkeit und Vaterstrenge geleitet und ihm auch die aus bloßer Wurstelei und Ritual gemischte Verfassung gegeben hatte, ihn hat der sang- und klanglose Hinschied der Gruppe vor zehn Jahren, dieser damals gar nicht vorgesehene, sozusagen bewußtlose Verzicht auf weitere Treffen wohl immer gekränkt. Wenn schon ein Ende, dann ein ordentliches. Zu den Begräbnisfeierlichkeiten hatte er jetzt endlich, im dreißigsten Jahr der Gruppe, eingeladen.

Listig und richtig schien schon der Tagungsort gewählt, das Hotel Kleber-Post im schwäbischen Saulgau, wo die Gruppe sich schon 1963 versammelt hatte, zu einer Tagung ohne Katastrophen und Triumphe, politisch windstill, literarisch mindestens anregend.

An eine weitere Arbeitstagung war von vornherein nicht gedacht. Dazu fehlte die entscheidende Vorbedingung: Richter hatte neue, junge Autoren diesmal nicht eingeladen.

Es fällt schwer, über eine so private Veranstaltung wie über ein öffentliches Ereignis zu berichten.

Darauf freue er sich, soll Wolfgang Hildesheimer gesagt haben: zu sehen, wie alt die anderen alle geworden sind. Aber als man dann am ersten Abend in dieser hochgediegenen Kleber-Post-Umgebung zusammensaß, zwischen rosa Tapeten und gerafften Store-Gardinen, unter Kronleuchtern und über Spitzendeckchen, wurde eine ganz andere Freude überall laut, wie wenig sichtbares Alter nämlich doch alle in diesen zehn Jahren zugelegt hätten. Ledig-Rowohlt führte sogar, auf demselben Parkett wie 1963, seine berühmten Purzelbäume vorwärts und rückwärts vor. Er glaube, sagte Johnson, ein Märchen zu erleben, die Rekonstruktion von etwas, von dem er dachte, das würde es so nicht mehr geben. Und ich hatte sogar, schon bevor er das sagte, einen unsichtbaren Weihnachtsbaum unter diesen heiteren Redenden bis zu den Kronleuchtern hochwachsen sehen. Das war eine Ankunft ganz ohne die früher übliche Angst und Spannung, ohne die langsam und scharf einrastende Hackordnung unter den Kollegen Konkurrenten: ein Märchen, ein Septembernachtstraum.

Dazu kam, daß bei weitem nicht alle Erwarteten angereist waren, nicht zum Beispiel Böll, Höllerer, Weiß, nicht Enzensberger und Rühmkorf, nicht Walser und Born, und erst recht nicht Handke, Lettau, Fried. Und genau war nicht auszumachen, wer zum letztenmal nicht dabeisein konnte, wer nicht wollte und wer gar nicht sollte. Aber daß auch wegen mancher dieser Abwesenheiten Reibungen wegfielen, Friedlichkeit sich ausbreitete, war bald zu spüren.