Pensionär Steinhoff empfiehlt den Südamerikanern ein noch nicht existierendes Flugboot

Wenn sich Johannes Steinhoff ärgerte, so ließ er es sich nicht anmerken, per ehemalige Fliegergeneral und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Flugzeugbaufirma Dornier wäre gerne einen Tag früher in den Süden des lateinamerikanischen Kontinents geflogen, doch landesübliche Verspätungen hatten ihn daran gehindert. So versäumte er die Jubiläumsfeier der Erklärung von Santiago. Mit ihr hatten Chile, Peru und Ekuador am 18. August 1952 als erste Staaten der Erde ihre maritimen Hoheitsgrenzen von drei auf zweihundert Meilen ausgedehnt. Die drei Expräsidenten, die die Erklärung unterschrieben hatten, konnten nun feststehen: „Es ist sehr befriedigend zu sehen, daß 25 Jahre später unsere völkerrechtliche These allgemein akzeptiert ist.“

Nach Meinung von Dornier ist in dem verflossenen Vierteljahrhundert jedoch wenig geschehen, um aus dieser Tat auch ökonomische Konsequenzen zu ziehen. Mit der Devise: „Dornier muß seine Zukunft sichern“ (Steinhoff in Caracas) machte sich der Aufsichtsratsvorsitzende des Friedrichshafener Unternehmens deshalb auf den Weg nach Mexiko, Venezuela, Peru, Chile, Argentinien und Brasilien, um die Südamerikaner davon zu überzeugen, daß sie gut daran täten, ihre erweiterten Küstenzonen wirkungsvoller zu überwachen und dann auch planvoll zu bewirtschaften.

Tatsächlich zeigte die Erkundungsreise des Exgenerals, daß in Lateinamerika noch niemand ernsthaft untersucht hat, welche Ressourcen vor den vielen tausend Küstenkilometern zu beiden Seiten Mittel- und Südamerikas schlummern und wie sie gehoben werden könnten. Als die deutschen Besucher jedoch mit Schätzungen aufwarteten, daß beispielsweise Mexiko bei systematischer Entwicklung der Fischerei in seinen pazifischen und karibischen Gewässern das Zehnfache der Exporterlöse herausholen könnte, die das Land jetzt von seinen jüngsten Ölfunden erwartet, flammte das Interesse auf. Andere Staaten in Südamerika mit langen Küsten, die ja alle mit bisher kaum lösbar erscheinenden Ernährungsproblemen für ihre rapide wachsende Bevölkerung kämpfen, könnten mit ähnlichen Ergebnissen rechnen.

An der Spitze der Angebotsliste, die Steinhoff mitgebracht hatte, stand daher ein Produkt, das nicht nur das Überleben dieser Menschenmassen, sondern auch das von Dornier sichern helfen soll: Das Großraum-Flugboot DO 24 A. Bisher hat das Unternehmen immer vergeblich versucht, diese zwei Generationen alte Vorkriegsentwicklung auf den internationalen Markt zu bringen, obwohl dafür immer neue Einsatzmöglichkeiten, beispielsweise zur Waldbrandbekämpfung, ersonnen wurden. Mit heutiger Technologie gefertigt und ausgerüstet, sei es das ideale Gerät zur Überwachung ausgedehnter Gewässer, meint man nun in Friedrichshafen. Und Johannes Steinhoff erläuterte auf seiner Südamerika-Tournee: „Hubschraubern ist die DO 24 A schon von der Reichweite her überlegen. Und gewassert verwandelt sie sich in ein Schnellboot, mit dem Sie an jedem Schiff anlegen können, um an Bord zu gehen.“

Weniger spektakulär, für die Lateinamerikaner aber vielleicht noch wichtiger als der Kauf von Wasserflugzeugen, wäre es, wenn sie den zweiten Vorschlag Dorniers akzeptierten, nämlich ein engmaschiges System zur physikalischen Vermessung ihrer Küstengewässer als Voraussetzung für eine wissenschaftlich betriebene Meereswirtschaft aufzubauen.

Dietmar Merten