Die Maschinenpistole immer im Anschlag – Verwirrspiele ohne Grenzen

Von Gunter Hofmann

Bonn, im September

Als die Ampel auf „Rot“ schaltet, stoppen drei schwere Limousinen an einer Straßenkreuzung in Bonn. Die Maschinenpistole schon so selbstverständlich im Arm, als sei das Routine, springen zwei junge Männer in Zivil aus dem letzten Wagen, die Mündungen ihrer Waffen auf den Boden gerichtet. Bei „Grün“ schwingen sie sich wieder in ihren „Commodore“, der Troß prescht weiter: ein Politiker mit seinen ständigen Begleitern. Bonn im September 1977.

Staunende Passanten können dieses Schauspiel beobachten, eine Konsequenz aus der bitteren Erfahrung nach den Morden der letzten Zeit – Bonner Szenen, die kein Geheimnis sind. Zweieinhalb Wochen nach der gewaltsamen Entführung Hanns-Martin Schleyers versucht die Hauptstadt mit einem schier unauflöslichen Widerspruch fertig zu werden: zur „Normalität“ zurückzufinden in der Gewißheit, daß sie unter den gegebenen Bedingungen unerreichbar ist.

Natürlich ist kein Belagerungszustand ausgerufen, kein Notstand proklamiert worden. Nur einige Zeitungen haben darüber schon mal ganz unverbindlich aber öffentlich meditiert. Das Regierungsviertel indessen präsentiert sich notgedrungen, als wäre es soweit – ein Planquadrat in Verteidigungsstellung. An der Ecke Wolkenburg-Straße, Kurt-Schumacher-Straße, der Wohnung des Innenministers, wird Zement gemischt, das Schutzhäuschen der Bewacher hinter den Zaun verlegt und wetterfest gemacht. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich Werner Maihofer ein kleines Palaver mit den Wachmannschaften und seinem Stab vor dem Häuschen erlauben konnte. Nichts geht mehr, was nach Fahrlässigkeit aussieht.

Einen seiner Grenzjäger traf beim Wachestehen vor dem Haus die Pistolenkugel eines anderen ins Ohr, als der mit seiner Waffe hantierte. Ähnliches hat es zwar öfter schon mal gegeben, jetzt aber schicken die Agenturen das als Nachricht eilig über den Draht. Stimmung ist zum Politikum geworden: die Panne, die glimpflich ausging, steht als Chiffre für geballte Nervosität.