Die sowjetischen Bürger diskutieren über ihre Grundrechte

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im September

Die Sowjetmenschen waschen ihre schmutzige Wäsche kaum öffentlich. Von 29 Kilo Textilien, die ein Bürger der Sowjetunion pro Jahr zu säubern hat, nimmt ihm die Wäscherei nur ein Kilo ab. Rund 14,5 Milliarden Stunden werden im sechzigsten Jahr der Oktoberrevolution für Waschen und Bügeln im Haushalt verbraucht. Die halbautomatischen Waschmaschinen haben den Bürgern die Arbeit zwar erleichtert, aber nicht verkürzt. Würde das in der Sowjetunion so unterentwickelte Dienstleistungsangebot nur auf diesem Sektor um das Zehnfache erhöht, gewännen die Sowjetfrauen sieben Milliarden Stunden im Jahr.

Dieses hautnahe Rechenexempel, das dem neuen Grundrecht der 41-Stunden-Woche den Freizeitverlust durch Waschzwänge und andere Service-Mängel kritisch entgegenhält, ist Teil einer landesweiten Schreibspartakiade über die Hürden und die Haken der künftigen sowjetischen Verfassung. Zehntausende von Sowjetbürgern kommentieren und korrigieren in Leserbriefen seit Anfang Juni den neuen Entwurf, der am 4. Oktober vom Obersten Sowjet verabschiedet wird und am 7. November an Stelle der Stalinschen Verfassung von 1936 tritt.

Auch wenn die meisten Verbesserungsvorschläge nicht berücksichtigt werden: Noch nie haben die sowjetischen Bürger so kritisch und konstruktiv zu ihren Grundrechten und -pflichten öffentlich Stellung nehmen dürfen. Zwar kann nicht die Rede sein von einer „nahezu freien“ und zeitweilig sogar „aus dem Ruder gelaufenen“ Debatte – wie einige westliche Beobachter bereits vermeldeten. Doch die aus über 75 000 Eingaben gefilterten und veröffentlichten Zuschriften unterscheiden sich von früheren Leserbriefen, etwa denen zum letzten Fünfjahrplan, in drei Punkten:

  • Sie erweitern die Bandbreite der heute tolerierten beziehungsweise erwünschten Kritik;
  • sie zeugen für ein erstaunlich gewachsenes Rechtsbewußtsein der Sowjetbürger;
  • sie öffnen dem Leser bisher unbekannte Einblicke in Strukturprobleme, die hinter den bekannten Mangelerscheinungen des Alltags stehen.