Von Wolfgang Boller

Wiesbadens Kurdirektor Franz Strieder schwärmt pflichtschuldig von Wiesbaden: „Es gibt in Westdeutschland keine Stadt, die ähnliche Vorzüge von Stadt und Kur, Umgebung und kulturellem Leben aufzuweisen hat.“ Der Anspruch ist nicht neu. Das klassische Rheumabad (Indikationen: Rheumatische Erkrankungen und Erkrankungen der Atmungsorgane) zwischen Taunus und Rhein erquickt seine Gäste seit jeher mit den Wohltaten der heißen Quellen und den Amüsements der Großstadt. Die tröstliche Mischung verhieß denen Zerstreuung, die die Kur nötig hatten, lockte aber ebenso Kaiser (Wilhelm II.) an, Dichter (Goethe) und Spieler (Dostojewskij), die so gichtbrüchig nicht waren. Zu den Annehmlichkeiten der Wiesbadener Brunnenkur zählten wie selbstverständlich Opernabende, Roulett, Einkaufsbummel und die Heckenwirtschaften im benachbarten Rheingau.

Um 1800 war Wiesbaden ein Kurdorf mit 2000 Einwohnern und jährlich 13 000 Kurgästen. Ein halbes Jahrhundert später erklärte es sich in nobler Selbsteinschätzung selber zur Weltkurstadt. Doch erst in den ungestümen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg begann der Stern der Stadt im Lichte kaiserlicher Gnade mit Übernachtungszahlen von über zwei Millionen pro Jahr wahrhaft zu leuchten.

Wiesbaden hat sich nach mancherlei Desastern von Krieg, Baulust, Blindheit und Modernisierung noch jeweils wie ein Phönix aus der Asche erhoben. Nach der jüngsten Wiedergeburt als Stadt der hessischen Landesregierung, von Verlagen und Kongressen kam der Weltkurstadt unversehens die Kur abhanden. Die stolzen Übernachtungsbilanzen der unvergessenen Kaiserzeit waren? auf zehn Prozent geschrumpft. Die totale Einstellung des Kurbetriebs lag im Bereich des Wägbaren. Denn was von Kurmitteln und Kureinrichtungen den Wiederaufbau überdauert hatte, war Besitz und Ballast in einem, kostbare Substanz und zugleich Baugrube ohne Boden. Die Inventur ergab: 26 (bis 67 Grad Celsius) heiße Quellen, die in der Nachkriegszeit Wiesbadener Hausfrauen das Salz zur Suppe geliefert hatten, ein Kurhaus ohne Kurmittel und ein Kurmittelhaus für die Einheimischen, außerdem eine zum größten Teil nicht heizbare Brunnenkolonnade und einen Kurpark mit freiem Eintritt für Kurkartenbesitzer, die es nicht mehr gab.

Als man in Wiesbaden erkannte, daß die Kur tot war, regten sich die Kräfte, um sie erneut leben zu lassen. Das Ideal einer Symbiose von Kurgebrauch und Großstadtvergnügen war freilich nachhaltig gestört. Die Viertelmillionenstadt war für die Kur verloren, aber nicht die Kur für die Stadt. Die Rettung ohne Rechtfertigung verfallener Ansprüche gelang Strieders Amtsvorgänger Karl A. Deisenroth um den Preis des Verzichts auf fragwürdig gewordene Tradition und Exklusivität. Die einstmals in wilhelminischem Glanz leuchtende Kurstadt ist heute nahezu ausschließlich Sozialbad. In den vier Kurkliniken gibt es noch 66 Betten für Privatpatienten. Die Anfälligkeit gegenüber Krisen ist gering.

Die Kur spielt in der Kurstadt heute eine Nebenrolle – mit 8500 Kurgästen (Besucher insgesamt: rund 230 600) und 250 000 (von insgesamt zirka 800 000) Übernachtungen, mit 67 Kurärzten (von 690 Medizinern), mit Rheumaklinik („Kaiser-Friedrich-Bad“), Verkehrsbüro, Kongreßbüro, Thermalschwimmbad, Freibad („Opelbad“), heißen Mineralquellen, Kurhaus, Kurpark (knapp acht Hektar), Brunnenkolonnade und 180 Angestellten: ein Eigenbetrieb der Stadt Wiesbaden mit einem Jahresumsatz zwischen zehn und elf und einem jährlichen Zuschuß um 1,5 Millionen Mark. Als Weltkurstadt schreibt Wiesbaden sich inzwischen selbst in Anführungszeichen. Die Landeshauptstadt ist Behördenstadt Und Pensionopolis (17 Prozent Einwohner über 65 Jahre), Kongreßstadt mit annähernd 500 Kongressen, Tagungen und Ausstellungen, Stadt der Maifestspiele und des Internationalen Reitturniers zu Pfingsten, Pforte zum Rheingau. Die Kur ist einer von vielen Aspekten. Sie hat sich mit Kliniken und Thermalbewegungsbad in unmittelbarer Nachbarschaft der Klinik für Diagnostik an der Peripherie der Stadt neu etabliert. Doch mit der Stadt harmoniert sie nicht mehr.

Der Weg vom schönen Aukammtal zur Stadt ist weit und umständlich, das Spielkasino (im Kurhaus) für Kassenpatienten nicht sonderlich attraktiv, die Wilhelmstraße mit Straßencafes, Geschäften und Bushaltestellen von vier Linien (1, 2, 8 und 16) weniger ein Boulevard als eine gewöhnliche Verkehrshölle. Das Ideal, so scheint’s, ist für immer gestört.