Die Fahndung nach den Entführern von Hanns-Martin Schleyer war bisher ohne Ergebnis. Um so mehr Erfolg hatte eine andere Verfolgungsjagd: die Suche nach den geistigen Helfern des Terrors, den sogenannten Sympathisanten. Täglich werden jetzt Mitschuldige aufgespürt, öffentlich angeprangert und im Schnellverfahren abgeurteilt – meist noch bevor der Sachverhalt geklärt ist.

Auch in Stuttgart hat man einen Sympathisanten entdeckt: den Schauspieldirektor Claus Peymann. "Geistige Verwandtschaft zum Terrorismus" bescheinigt ihm der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, seine fristlose Entlassung fordern Mitglieder des Landtags, die Landesregierung, etwas moderner immerhin, dringt auf die "schnellstmögliche Trennung" von Peymann. Der aber will seinen Vertrag bis zum Ende, bis zum August 1979, erfüllen. Dann erst wird er Stuttgart, dessen Theater seine Mitarbeiter und er in nur wenigen Jahren zum erfolgreichsten der Bundesrepublik gemacht haben, endgültig verlassen.

Der Volkszorn ist groß und berechtigt. Schließlich hat Claus Peymann den Terror aktiv unterstützt: Er hat im Juni 100 Mark für die Zahnbehandlung von Stammheim-Gefangenen gespendet. Für die Zahnbehandlung! Man könnte diese Spende natürlich auch als einen caritativen Akt interpretieren, als eine spontane Geste des Mitgefühls. Verfassungswidrig sind solche Gefühle nicht. Immerhin redet unser Grundgesetz gleichin seinem ersten Satz von der Würde des Menschen, und damit ist ja wohl die Würde jedes Menschen gemeint, auch die des gefangenen Menschen, die Würde auch des Mörders. Unsere Verfassung, dieser schöne, dem Menschen freundliche Text, ließe sich auch verstehen als ein Appell an die Leidens-, Mitleidensfähigkeit jedes Bürgers für jeden Bürger. Vielleicht hatte Peymann, als ihn Ilse Ensslin, die Mutter von Gudrun Ensslin, um finanzielle Hilfe bat, eine ganz altmodische, heute natürlich unangebracht sentimentale Regung: Erbarmen. Und vielleicht ist so ein Gefühl wichtiger als alle karrieristischen oder auch politisch-taktischen Erwägungen – ein Schauspieldirektor ist nicht Mitglied der baden-württembergischen Staatsregierung. Natürlich hätte Peymann schlauer sein können; er hätte wissen müssen, daß humane Regungen für Gefangene erlaubt sind, für bestimmte Gefangene aber nicht. Die Krebskrankheit des Herrn Kappler, die Einsamkeit des greisen Rudolf Heß: solche Leiden finden bei uns viel öffentliches, auch publizistisches Mitgefühl – und das ist im Grunde gut so. Erschreckend ist nur, daß Gesten des Erbarmens mit Naziverbrechern möglich sind, mit RAF-Terroristen aber nicht – die würde man am liebsten zu Nicht-mehr-Menschen erklären, aus der Gesellschaft verstoßen. Und wenn man sie-schon nicht aufhängen und nicht verhungern lassendarf, dann sollen sie wenigstens Zahnweh haben.

Peymann hat öffentlich erklärt: "Ich lasse mich nicht zu einem ,Sympathisanten‘ stempeln, der ich nicht bin. Maxime meiner künstlerischen Arbeit ist es, gegen Unvernunft, gegen Gewalt, gegen jedes Verbrechen zu sein. Ich habe vor drei Monaten hundert Mark für Zahnbehandlungen von Häftlingen in Stammheim gespendet, weil ich auch gegen jede ‚Kopf-ab-‘, gegen jede ‚Sollen-sie-doch-verrecken‘-Mentalität bin."

Das ist deutlich und überzeugend. Deshalb ist man dankbar für einen bürokratischen Vorwand: nicht seiner Spende wegen soll Peymann entlassen werden, sondern weil er den Bittbrief der Mutter Ensslin am Schwarzen Brett des Theaters ausgehängt hat. Es wird jetzt wohl eine Welle von fristlosen Entlassungen unsere Theater überrollen – überall nämlich wird das Schwarze Brett zu privaten Zwecken benutzt. Es ist an jeder Bühne "ein absurdes Potpourri" (Peymann) von Informationen: ein Theater ist keine Behörde, das Aushängen eines Briefes keine obrigkeitliche Mitteilung. Vielleicht wird Peymann in dieser Woche wegen Mißbrauchs des Schwarzen Brettes entlassen: in einer Lokalposse, die diese traurige, hochdramatische Affäre ja auch ist, scheint keine Pointe unmöglich.

Ein Theaterwunder und sein unverhofftes Ende. Kein Künstler, der bei Sinnen ist, wird nach dieser Geschichte die Nachfolge Peymanns und seiner Mitarbeiter antreten mögen. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es im Stuttgarter Schauspiel, spätestens 1979, aussehen wird. Viel Vergnügen in der Provinz!

Benjamin Henrichs