Von Hans Schueler

Seit der Entführung Hanns-Martin Schleyers ist das Privatleben der Bonner politischen Prominenz nicht mehr nur bewacht; es ist von Sandsäcken buchstäblich eingemauert und von Gewehrläufen umstellt. Doch einer hat überhaupt kein Privatleben mehr, und wäre er nicht über die Maßen beschäftigt, müßte man ihn wohl nächst dem Kanzler den einsamsten Menschen der Republik nennen: Horst Herold, der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), kampiert nun schon seit bald drei Wochen im Feldlager seiner Außenabteilung „Terrorismus“ in Bad Godesberg. Die Familie sieht er auch am Feierabend nicht, aber das Wort Feierabend muß ihm ohnehin als reiner Euphemismus erscheinen.

Herold bildet in seiner Person das Nervenzentrum des Krisenstabes der Bundesregierung, den Meldekopf für alle Informationen, die Schaltstelle für die Kontakte mit den Entführern. Und er bietet bei alledem zugleich ein Bild der Ohnmacht. Er, den Freunde wie Kritiker gern den „Mister Computer 61 nennen, wußte auch in der dritten Woche nach dem Attentat von Köln noch immer nicht, wo der Feind zu orten sei. Die Datenspeicher des BKA in Wiesbaden versagten ihrem Herrn den Dienst. Und er mußte sich im Grunde von vornherein eingestehen, daß dies so sein würde. Denn seit den Morden an Siegfried Buback und Jürgen Ponto und seit dem versuchten Anschlag mit einer „Stalinorgel“ auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ist der Polizei kein systematisch erarbeiteter Fahndungserfolg mehr gelungen. Die Festnahme zweier mutmaßlicher Buback-Attentäter in Singen am Hohentwiel war dem Zufall oder besser: der Aufmerksamkeit einer älteren Dame zu verdanken, der in einem Caféhaus die ungewöhnliche, beflissene Schweigsamkeit des Pärchens auffiel, das sie für ein Liebespaar hielt.

Horst Herold wird sich kaum damit trösten mögen, daß er in diesen Tagen für seinen Einsatz Respekt und Anerkennung von den Regierenden ebenso wie von der Opposition erfährt. Und es kann ihn auch nicht froh machen, den Satz bestätigt zu finden, den er schon im Mai dieses Jahres – nach der Ermordung Bubacks – vor dem Innenausschuß des Bundestages gesprochen hat: „Als Soldat würde ich sagen: Mit den gegebenen Kräften und Strukturen ist die Front nicht zu halten.“ Darin lag ein Stück Prophetie.

Die Erfolgserlebnisse des BKA-Präsidenten liegen nun schon lange zurück. Er mußte erfahren, daß der Schlüssel, mit dem er der Kriminalistik ganz neue Züge zur modernen „Verbrechensindustrie“ erschlossen hatte, gegenüber den Terroristen der jüngsten Generation in der Bundesrepublik versagt. Ob er diese Erfahrung für sich selbst schon ganz verarbeitet hat, steht freilich dahin.

Herold ist kein gelernter Kriminalpolizist. Er kommt, wie noch immer die meisten der leitenden Polizeibeamten in Bund und Ländern, aus der juristischen Laufbahn. Nach Kriegsdienst und Studium war er zunächst Staatsanwalt, später Ermittlungs- und Haftrichter in Nürnberg. Ein kompliziertes Scheck- und Wechsel-Betrugsverfahren veranlaßte ihn in den frühen sechziger Jahren, den Wegen und Methoden der Täter bis in die letzten Verästelungen nachzuspüren. Die Sache wurde dem Richter zum Modellfall, sie weckte sein kriminalistisches Interesse. Und sie wurde wohl auch zum Anlaß dafür, daß ihn die Nürnberger 1964 zum Kriminaldirektor und 1967 zum Polizeipräsidenten machten.

Die in der alten Reichsstadt sprichwörtlich gewordene Erkenntnis, daß man keinen hängen könne, man hätte ihn denn, ließ Herold nach neuen Fahndungsrastern suchen. Er fand sie in der „Kriminalgeographie“, der Lehre von der räumlichen Ausbreitung und Verdichtung der Kriminalität in bestimmten Stadt- und Landregionen, etwa in der von ständigen Bewohnern entleerten „City“ der Großstädte. Der Polizeipräsident verteilte seine Einsatzkräfte entsprechend den statistisch ermittelten Schwerpunkten des Verbrechens und hatte damit prompt den erwarteten Erfolg: Während die Kriminalität im ganzen Lande zunahm, ging sie in Nürnberg zurück.