Innerhalb der SPD bleibt die Kernenergiefrage umstritten. Auf mehreren Landesparteitagen steckten die Delegierten am Wochenende ihre Position für die endgültige Entscheidung über dieses Problem auf dem Bundesparteitag der SPD im November in Hamburg ab. Trotz kontroverser Anträge wurde deutlich, daß die Mehrheit der Sozialdemokraten auf die Kernenergie nicht verzichten will; sie sind sich jedoch einig, – daß die Kernenergie-Wirtschaft erst weiter wachsen darf, wenn die Entsorgungsfrage befriedigend gelöst ist. Die heftigsten Debatten fanden, in Hamburg und Neu-Isenburg statt.

Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte auf dem Hamburger Landesparteitag zur Frage der Kernenergie: „Wir brauchen sie.“ Die Gefahren müßten ernstgenommen werden, aber die arbeitsmarktpolitischen Aspekte seien auch zu bedenken. „In Sachen Kraftwerke, auch Kohlekraftwerke, rate ich, auf die Gewerkschaften zu hören.“ Die Hamburger Delegierten entschieden, Betriebsgenehmigungen für Kernkraftwerke, die zur Zeit gebaut werden, nur zu erteilen, wenn die Entsorgungsfrage gelöst sei.

Auf dem außerordentlichen Parteitag der südhessischen SPD in Neu-Isenburg war die Front der Kernkraft-Gegner besonders stark. Die Delegierten verabschiedeten einen Beschluß, der einen Genehmigungsstopp für den Bau und Betrieb neuer Kernanlagen vorsieht. Bundesforschungsminister Matthöfer konnte mit seiner Ansicht nicht durchdringen, daß Verteilungskriege zwischen Armen und Reichen drohen, wenn angesichts der begrenzten Erdöl- und Gasvorräte die friedliche Nutzung der Kernenergie nicht weiter vorangetrieben wird.

Die Delegierten des Berliner Parteitages votierten dafür, vorerst keine weiteren Kernenergieanlagen zu genehmigen oder zu bauen. In der Zwischenzeit sollten unabhängige Wissenschaftler Strombedarfsprognosen erstellen und Alternativen prüfen.

Der Bremer Parteitag forderte einen völligen Baustopp aller Kernkraftwerke. Bei bereits betriebenen Anlagen müsse der Nachweis der gesicherten Entsorgung erbracht werden.

Der SPD-Bezirk Westliches Westfalen, der in Recklinghausen tagte, sprach sich für einen sofortigen Baustopp des Schnellen Brüters in Kalkar aus, einigte sich, aber nach langen Beratungen darauf, den Bau von Kernkraftwerken nicht durch ein Moratorium aufzuschieben.

Der SPD-Parteitag Bezirk Niederrhein in Oberhausen äußerte ähnliche Vorbehalte. Der Vorstand untersagte nach einer langen und kontroversen Debatte die Beteiligung der Jusos an der für das Wochenende geplanten Demonstration in Kalkar.

Auf dem außerordentlichen Parteitag des Bezirks Franken sprach sich der DGB-Vorsitzende Vetter gegen einen Baustopp aus. Die Delegierten stimmten dafür, auf den Ausbau der Kernenergie vorläufig nicht zu verzichten.