200 000 Handgriffe sind nötig, bevor ein Zirkuszelt steht

Von Hanns Menninger

Fredenbaumplatz in Dortmund. Der Arbeitslose K., der im Schatten der spärlichen Randbepflanzung schwitzt, hat Glanz in den Augen. „Morgen“, sagt er im Manger-Deutsch, „morgen kommt der Zirkus, Aufbautag, da kann ich mir leicht ein paar Mark verdienen. Ich mag den Zirkus, die Leute und überhaupt...“

Die sieben Arbeiter vom Vorkommando des Zirkus Barum schuften an zwei Preßlufthämmern; rund 200 Anker – das Stück bis 1,40 Meter lang – sind zu setzen, damit der Aufbau morgen zügig vorangeht. Um fünf Uhr in der Frühe sind sie in dem alten Transit von Lemgo aufgebrochen, wo der Zirkus gerade zwei Tage steht. Prompt haben sie sich verfahren und sind später als geplant hier angekommen: Die Sonne sticht bereits. „Scheiß-Ruhrpott“ – aus der Schornsteinkulisse von Hoesch quillt dunkler Qualm, ab Mittag stinkt es nach Kohlendioxyd.

Vier Tage zuvor waren sie in Berlin. Abbau bei strömendem Regen, schlechter Platz und bis zu den Knöcheln im Schlamm. Die 70 Zentner schwere Zeltleinwand wog dreimal mehr als sonst. Der Beginn der Schulferien ist für den Zirkus stets der Anfang der Zwölf-Wochen-Strapaze: in einer Woche bis zu dreimal Umzug auf einen neuen Platz. Nur so kann man Kasse machen.

„Draußen“, sagen die Arbeiter – und das ist für sie alles, was nicht Zirkus heißt. „Draußen kommen wir nicht zurecht, nur Fabriken, Fließband, Maloche, hör’n Sie mal, das macht einen doch kaputt...“ „Was reizt euch am Zirkus?“ Sie denken nach.

„Nun, Reisen, fremde Städte sehen.“