Wenige Monate vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen sind in Kolumbien schwere Unruhen ausgebrochen. Die vier Gewerkschaften hatten Mitte vergangener Woche einen 24stündigen Generalstreik ausgerufen.

Der Protest richtete sich gegen die galoppierende Inflation, die im ersten Halbjahr 1977 schon 26,3 Prozent erreicht hat. Die Gewerkschaften wollen eine generelle 50prozentige Lohnerhöhung durchsetzen, die Präsident Alfonso López Michelsen strikt ablehnt; er erklärte sich nur bereit, einer Erhöhung der Mindestlöhne zuzustimmen. In den kommenden Wochen werden weitere Arbeitskämpfe erwartet.

Die Geldentwertung ist auch eine Folge eines einmaligen Kaffee-Booms. Die Erlöse aus dem Kaffee-Export stiegen von Januar bis Juni 1977 gegenüber dem gleichen Zeitraum 1976 um 78,5 Prozent (obwohl die Menge sogar abnahm); der dadurch erhöhten Inlandsnachfrage steht jedoch keine Ausweitung der Binnenproduktion gegenüber – im Gegenteil: Die Ernte 1977 wird nur knapp den Vorjahresstand erreichen, die Arbeitslosenquote in den Städten liegt unverändert bei zwölf Prozent.

Der Streik wurde freilich nicht nur durch die wirtschaftlichen Nöte der rund neun Millionen Arbeitnehmer ausgelöst. Korruption, Terrorismus, Gewaltverbrechen, eine schlechte Verwaltung und Vetternwirtschaft führten schon 1975 zu Auseinandersetzungen, auf die López Michelsen mit der Verhängung des Kriegsrechts antwortete. Es wurde nach einem Jahr aufgehoben, aber im Oktober 1976 wieder eingeführt. Dem Kabinett – einer der wenigen südamerikanischen Zivilregierungen – gelang es jedoch nicht, die Inflation in den Griff zu bekommen. López Michelsen sah deswegen in dem Generalstreik eine „politische Herausforderung“, die er als „illegal“ erklärte.

Der aufgestaute Mißmut machte sich in der vorigen Woche in Ausschreitungen, Plünderungen, Brandstiftungen und Schlägereien Luft. Dabei wurden 20 Menschen getötet, fast 4000 verhaftet und unter Ausnahmerecht pauschal zu 280 Tagen Haft verurteilt. Trotz der Ausgangssperre dauerten die Unruhen noch zwei Tage an.

Kolumbien wählt im nächsten Jahr ein neues Parlament und einen neuen Präsidenten. Zum erstenmal gilt dann nicht mehr der 1957 zwischen Konservativen und Liberalen abgeschlossene Pakt, der unabhängig vom Wahlergebnis die wichtigsten Posten zwischen den beiden großen Parteien aufteilte und nach einem langen Bürgerkrieg eine Zeit relativer Ruhe und politischer Stabilität garantierte. Die Opposition sieht ihre Stunde gekommen; sie weiß einen Teil der Gewerkschaften hinter sich, der schon lange gegen die Beschränkung seiner Rechte protestiert.

Gegen den „Parteien-Klüngel“ hat bisher erst ein Kandidat Stellung bezogen: der ehemalige Heeres-Oberbefehlshaber Valencia Tovar, der mit einer nationalen Erneuerungsbewegung die „moralische Krise“ und „Unsicherheit im Lande“ überwinden will. Seine Wahl plattform wurde von einer kommunistischen Zeitung veröffentlicht. Der Wahlkampf verspricht heiß zu werden. López Michelsen warnte im Rundfunk: „Der Streik sei eine politische Maßnahme’: ‚Diese politische Absicht wird mit jedem Tag offensichtlicher, weil die regierungsfeindlichen Kräfte sich jenseits aller ideologischen Schranken hinter den Streik zu stellen begonnen haben.‘“ H. B.