Wie junge Sowjetbürger zu kleinen Kapitalisten werden

Von Christian Schmidt-Häuer

Michails Familie besteht, so sagt er, "nur aus Offizieren". Er selbst zählt 19 Lenze, hat in diesem 60. Jahr der Oktoberrevolution das Abend-Abitur bestanden und ist Laborant in einem Forschungsinstitut. Doch das ist die für Michail unattraktive Hälfte seines Lebens, die bürgerliche Schattenseite. Er hat sich eine zweite Existenz aufgebaut, einen exotischen Platz an der Sonne der "Privatwirtschaft". Sein Talent lag und liegt zwischen Marketing und Management und damit in der sowjetischen Planbürokratie brach. Deshalb machte sich Michail selbständig.

Zunächst kaufte er kurzärmelige russische Hemden auf, das Stück zu drei Rubel (9,50 Mark). Michails einziger Geschäftspartner, ein Maler, gestaltete das Emblem einer westdeutschen Firma nach. Dann bedruckten die beiden hundert sowjetische Hemden mit dem kapitalistischen Markenzeichen. Die neugewonnenen T-Shirts steckten sie in durchsichtige Plastikbeutel, um deren "ausländische" Herkunft, noch überzeugender zu machen (sowjetische Waren sind nur schlecht oder gar nicht verpackt). Michail stellte sich als fliegender Händler vor den sogenannten "Kommission!" auf, den einzigen Läden, in denen der Sowjetbürger im An- und Verkauf legal einige Westwaren erwerben’ kann. Die hundert "westdeutschen" T-Shirt-Blüten brachte Michail mühelos an den Mann, obwohl er 15 Rubel (knapp 50 Mark) pro Stück verlangte. Das war der fünffache Preis des sowjetischen "Rohmaterials" und zugleich ein Zehntel des sowjetischen Durchschnittsverdienstes.

Noch höher waren Nachfrage und Gewinn, als Michail Marlborough-Taschen auf den "schwarzen Markt" warf. Sein Kompagnon kopierte das Zigaretten-Etikett, Michail besorgte Druckfarben für eine Flasche Wodka und Sackleinen zu vier Mark pro Meter. Eine befreundete Schneiderin nähte in der Fabrik nebenher aus jedem Meter zwei Beutel. Die Griffe der Beutel, mit denen Michail den auf Westwaren feierten Sowjetbürgern so tief in die Taschen griff, waren aus billigster Wäscheleine. Der Preis pro "Original": umgerechnet 50 Mark. – "Als ich die tollen Taschen sah, habe ich vor Aufregung beinahe einen Herzinfarkt bekommen", schwärmte eine begeisterte Kundin.

Die Geschichte Michails steht für drei auffällige Entwicklungen in der Sowjetunion. Erstens zeigt sie den unaufhaltsamen Vormarsch des Konsumdenkens als der einzigen Ideologie, die fast alle Sowjetbürger über nationale Grenzen hinweg verbindet. Jegliche Westware wird zum heiß gejagten Statussymbol. Zweitens ist sie typisch für die inflationäre Preisentwicklung auf dem sogenannten "zweiten Markt" (echte Jeans kosten jetzt bis zu 600 Mark) und für das immer dreistere Auftreten der jungen Schwarzhändler-Generation.

Auf dem Trödelmarkt von Tula, den Sonntag für Sonntag über zehntausend Eingeweihte zwischen Baltikum und Schwarzem Meer besuchen, wurde vor einiger Zeit ein 28jähriger Moskauer kontrolliert. Er hatte moderne Schallplatten, Krimis, westlichen Puder, Shampoo und Wimperntusche unter die Leute gebracht. Nach einem Erlaß der zuständigen Instanz von Tula dürfen auf diesen Märkten aber keine Industrieerzeugnisse, sondern nur gebrauchte Privat-Gegenstände von Sowjetbürgern feilgeboten werden. "Was wollen Sie", sagte der Händler, "ich habe mir die Sachen gekauft, dann gefielen sie mir nicht, jetzt verkaufe ich sie weiter." Vorübergehend wurden seine Waren beschlagnahmt, doch schon bald erhielt er Bescheid, daß er seine Utensilien wieder abholen könne. Er antwortete per Post: aus familiären Grünen sehe er wochentags keine Möglichkeit, sich mit der Miliz zu treffen. Wenn die Behörden die Zeit aufbrächten, den Menschen Wertgegenstände wegzunehmen, dann müßten sie diese auch selbst zurückbringen. Geschehe das nicht umgehend, werde er sich an höhere Instanzen wenden.