Was für ein Land. Nummer eins im Fußball, Nummer zwei in Sachen Stabilität, Nummer drei in der Welt bei der Autoproduktion – aber ganz weit hinten, wenn es um den Nachwuchs geht: die Bundesrepublik Deutschland.

Nein, es geht hier nicht schon wieder um die Frage "Sterben wir aus?" Die Deutschen werden sie wohl überleben, die rekordverdächtig niedere Geburtenrate. Es geht hier darum, wie die wenigen Neu-Deutschen die ersten neun Monate im Leib ihrer Mutter und ihr erstes Jahr überleben.

Eigentlich müßte diese Bundesrepublik ein Paradies für Neugeborene sein. Die Erfüllung des Wunschkindertraums war wohl noch nie so möglich wie heute, die Überlebenschancen sollten bei all den nicht genutzten Kapazitäten der Mütterberatung und Kreißsäle optimal sein – theoretisch.

Die Praxis? Ein Trauerspiel. Unter allen Neugeborenen Europas haben nur die Babys aus Mittelmeer- und Balkanländern weniger Aussichten als deutsche Säuglinge, ihren ersten Geburtstag feiern zu können. Letzte Woche, beim Deutschen Kinderärztekongreß in Kiel, tauchte die ganze Palette aus Schludrigkeiten, Versäumnissen, Gedankenlosigkeit und Mängeln aller Art an die Oberfläche, die in diesem Jahr mit am Tod von rund 15 000 Babys schuld sein wird.

In der internationalen Statistik mag das beruhigender klingen: 23 von 1000 Neugeborenen werden nicht einmal ein Jahr alt. Aber, um noch einmal die brutale Totale zu zeigen, wäre die Bundesrepublik ein skandinavisches Land, dann würden vielleicht sechstausend Kinder mehr überleben. Der Mainzer Medizinprofessor Erne Maier ließ bei solchen gravierenden Unterschieden in Kiel keine Hinweise auf "statistische Kunstprodukte" mehr gelten: "Es müssen hier systematische Fehler vorliegen, die ganz erheblich sind."

Die Fehler beginnen wohl gleich nach der Zeugung, und sie werden von allen Beteiligten begangen. Die werdenden Mütter – sie nutzen die angebotenen Vorsorgeuntersuchungen nicht aus, sie schädigen ihr ungeborenes Kind mit Alkohol, Zigaretten und Medikamenten: Jährlich 1800 Mißbildungen durch Alkohol; Kinder von Raucherinnen wiegen im Durchschnitt weniger und entwickeln sich langsamer als Babys von Nichtraucherinnen; bei zehn bis dreißig Prozent der Schwangeren konnte Aspirin im Blut nachgewiesen werden, obwohl auf jeder Packung vermerkt ist, daß das Schmerzmittel bei werdenden Müttern zu Blutungen führen kann.

Die Ärzte – sie halten offensichtlich ihre schwangeren Patientinnen nicht zu ausreichend häufigen Vorsorgeuntersuchungen an, sie praktizieren häufig in zu kleinen Geburtskliniken (im Vergleich etwa zu Schweden): Schwangere Schwedinnen durchlaufen 14 Vorsorgeuntersuchungen (vier beim Arzt, zehn bei der Hebamme), schwangere Deutsche zumeist nur ein paar wenige Tests; in Schweden gibt es 100 zentrale, bestens ausgestattete Geburtskliniken mit angeschlossenen Kinderkliniken für Problemfälle, im zweiundzwanzigmal kleineren Rheinland-Pfalz gibt es genausoviel Geburtskliniken, aber nicht immer mit Kinderkliniken (jedes zwanzigste Baby ist ein Problemfall).