Der technische Fortschritt bedroht einen Teil unserer Bürger – die "Ungelernten", die genetisch Benachteiligten – mit ständiger Arbeitslosigkeit. 

Um die Jahrhundertwende war etwa die Hälfte aller Arbeiter "ungelernt". Von der Volksschule weg, mit vierzehn Jahren, bekamen Jungen und Mädchen einen der damals ausreichend angebotenen Arbeitsplätze. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte der Bergbau Arbeitskräfte, wo er sie bekam, ohne lange nach einer Ausbildung zu fragen. Die meisten Beschäftigten in der Landwirtschaft waren "ungelernt". Das habe ich noch miterlebt. In den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg zogen wir Städter sonntags und in den Ferien aufs Land. Dort drückte uns der Bauer eine Hacke in die Hand: Rüben putzen. Stadt und Land boten genügend Arbeit auch für den, der nicht lernen konnte, weil die Eltern das Geld für die Lehre nicht hatten – oder die Natur ihm die dazu notwendigen Gaben versagt hatte.

Und heute? Die Technik rottet die Arbeitsplätze für ungelernte Arbeiter aus. Der Schauermann im Hamburger Hafen schleppt den 50- Kilo-Sack nicht mehr auf seinem Buckel vom Schuppen über den Kai aufs Schiff; vorgepackte Container kommen per Lkw oder Eisenbahn zum Schiff "längsseits"; ein elektronisch gesteuerter Spezialkran (Preis sechs Millionen Mark, hergestellt von einer Elite-Arbeiterschaft) stapelt sie auf dem Schiff. In der Landwirtschaft ist es ähnlich: Nach der Aussaat (mit Maschinen) geht der Bauer nur noch auf sein Land, um zu sehen, wie die Ernte steht. Ein Mähdrescher (Preis 130.000 Mark) mit dem technisch qualifizierten Bauern auf dem Fahrersitz schneidet das Korn, drischt es, wirft die Körner in einen Wagen und bündelt das Stroh zu handlichen Ballen. In Amerika fängt man an, auch das Pflügen zu sparen: Man drillt in die Stoppeln der alten Ernte.

Um einen Hektar Getreide abzuernten, brauchte man früher über hundert Arbeitsstunden, heute nur knapp zwei. Früher brauchte die Landwirtschaft Millionen "Ungelernte"; heute fast .keinen mehr – so strömen sie in die Stadt. In meiner Kindheit kam bei hereinbrechender Dunkelheit der Laternenanzünder, mit einer langen Stange über der Schulter; er kam zu Fuß, selbst ein Fährrad war zu teuer. Den Hebel oben an der Laterne bewegen; das konnte auch ein Sonderschüler – in festem Dienst, mit Rente und Selbstbewußtsein: Wenn er nicht kam, brannten ja die Lampen nicht.

Dep erste 1948 gebaute Computer ("Eniac") war ein unzuverlässiges Monstrum von 30.000 Kilo Gewicht und mit 18.000 Vakuumröhren. Heute wiegt ein Computer mit dreifacher Leistung 30 Kilo und kostet nur ein 1 Prozent des Preises von "Eniac". Er braucht einige ausgebildete EDV-Techniker, zahlreiche einfach ausgebildete Buchhalter verschwinden.

Wann haben wir zuletzt in Stadt oder Land einen ungelernten Arbeiter gesehen? Es gibt ihn fast nicht mehr. Selbst der "Müllwerker" muß den Umgang mit einem komplizierten Müllwagen (Preis 100.000 Mark) gelernt haben. Verschwunden ist der Mann, der mit dem Besen die Straße fegte; Straßenbau ist eine Kunst geworden; wer Kabel verlegt, braucht Kenntnisse der Nachrichtentechnik, sonst zerstört er mehr, als er aufbaut.

Viele kommen nicht mit