Von der Presse in Bonn wird gewiß auch so etwas wie eine eigene Wirklichkeit produziert. Politik gerinnt hier oft in abstrakte Form; die Bonner Oberfläche wird nur zu gern als Inhalt ausgegeben.

Walter Scheel ist zwar in einer kleinen Ansprache zur Einweihung der neuen Räume des Presseclubs (Heinrich-Brüning-Straße) und zu dessen 25. Geburtstag auf diesen Aspekt eingegangen. Aber er ist vermutlich auch Opfer der „kurzatmigen Hektik“ geworden, die er selbst beklagt. Sie stehe, so der Bundespräsident, dem „gründlichen Nachdenken über politische Probleme im Wege“. Gründliches Nachdenken sei aber in allen Problembereichen erforderlich.

Ginge es so einfach, wie Scheel sich das wünscht, die öffentlichen Äußerungen „ein wenig solider zu machen“: Die entsprechenden Spielregeln gäbe es längst. Und dächten Politiker über die Probleme einer modernen Industriegesellschaft nur deshalb nicht gründlich nach, weil sie von Journalisten um „rasche Stellungnahmen“ ersucht oder vom parteipolitischen Gegner mit eiligen Erklärungen in Zugzwang gesetzt würden: Auch dann gäbe es vielleicht schon Abhilfe. So viel Skrupel hätten Bonner Journalisten allemal, um Bonner Politikern den Weg zum Nachdenken nicht mit lästigen Fragen zu verstellen.

Schließlich: Nach Scheel sollen die „dazu berufenen Verfassungsorgane“ über die politischen Prioritäten entscheiden. „Wer die politischen Themen festlegt, macht zumindest einen wesentlichen Teil der Politik. Dieser Teil soll den dafür vorgesehenen Organen vorbehalten bleiben; er gehört nicht zum Geschäft des Journalisten.“ Das ist mindestens mißverständlich; den Medien kann nicht daran gelegen sein, sich vorgeben zu lassen, welches die „politischen Themen“ von Rang, Gewicht und Dringlichkeit sind. Was zum „Geschäft des Journalisten“ gehöre, wüßte man in diesem Sinne doch gern ein wenig ausführlicher dargelegt.

Die Bonner Kommentatoren im Sinn, hat der Schriftsteller Nicolas Born in seinem Bericht über „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ dazu einige privat klingende Notizen gemacht. Er spürt der Frage nach, ob denn die Kabinetts- und Parlamentswirklichkeit, wie die Medien sie darbieten, schon die ganze politische Wahrheit ist: „Aber das, was hier in der Zeitung steht, dachte ich, geht mich wirklich nichts an, das lassen sie sowieso nur in der Zeitung passieren. Die Akteure der politischen Bühne erfuhren aus der Zeitung, was sie vollbracht hatten ... Was ging mich der Zank im Kabinett an und was ging mich die Einigkeit, die Engstirnigkeit an. Die Auseinandersetzungen in den Ausschüssen, den Fraktionen, was gingen sie mich an. Bürgernähe, mehr Transparenz, alles Kunststoff.“

Die Chance, dazu etwas zu sagen, hat Walter Scheel verpaßt. Schade.

Einen „Sauhaufen“ hat Franz Josef Strauß die FDP geglaubt, nennen zu dürfen, weil die Berliner Jungdemokraten in ihrer Zeitschrift blatt gegen die Warnung der Partei den umstrittenen „Buback-Nachruf“ aus Göttingen abgedruckt und kommentiert haben. Für die große Abrechnung mit denen, die er zu „Sympathisanten“ erklärt, und für den Beweis, wie es angeblich um die FDP bestellt sei, kam ihm das gerade recht.