Die Großen der Weimarer Republik sind lange tot; auch ihre Mitarbeiter, die Zeitzeugen, die wissen, „wie es wirklich gewesen ist“, werden weniger. Einer der bedeutendsten von ihnen war Arnold Brecht. Viele kennen ihn aus der Nachkriegszeit als Verfasser grundlegender zeitgeschichtlicher, verfassungstheoretischer und politikwissenschaftlicher Arbeiten. Seine bedeutendste Rolle hatte er aber früher gespielt, als hoher Beamter der Weimarer Republik. Sein politischer Einfluß reichte damals weiter als der mancher, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen. Jetzt ist er, 93 Jahre alt, in Eutin gestorben.

Im Oktober 1918 hatte der neue Reichskanzler, Prinz Max von Baden, einen Aufsatz Brechts gelesen, in dem dieser – gewagt für einen jungen Beamten – dezidiert für einen Frieden ohne Annexionen eingetreten war. Wenige Wochen vor dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Brecht Referent in der Reichskanzlei; als einer jener Beamten, auf die auch die Revolution nicht verzichten konnte, blieb er über den Umsturz vom 9. November 1918 hinaus auf seinem Posten. Aber im Gegensatz zu der überwältigenden Mehrzahl seiner Kollegen war er kein „Vernunftrepublikaner“. Den im Beamtentum der Zeit so verbreiteten Standpunkt, daß der Beamte das „Staatsganze“ zu wahren habe und Politik einschließlich der Staatsform ihn nichts angehe, diese bequeme Alibis-Ideologie, die ein müheloses Sich-Anpassen an Regimes aller Art erlaubte, teilte Brecht nicht. Er ergriff Partei für die neue Republik und trat der Dolchstoßlegende entgegen. Von nun an war ihm die Gegnerschaft der rechten Republikfeinde sicher.

Ende 1921 berief ihn der sozialdemokratische Innenminister Adolf Köster als Ministerialdirektor an die Spitze der Verfassungsabteilung des Reichsinnenministeriums: Brecht sollte auf dem politisch zentralen Posten die Durchsetzung der Verfassungsprinzipien überwachen. In sechs Jahren wurde der Name Brecht ein Programm. Mit ihm waren nicht nur Vorhaben wie die Reichsreform, die Reichsverwaltungs- und Büroreform, ein mehrheitsbildendes Wahlrecht, eine Sammlung des Reichsrechts verknüpft, sondern vor allem auch Maßnahmen zur unmittelbaren Verteidigung von Staat – und Verfassung gegen die Feinde von links und rechts. Sein Name stand unter dem Entwurf des Gesetzes zum Schutz der Republik, aber auch, was ihm viele seiner Kollegen verübelten, unter dem Gesetzentwurf über die Pflichten der Beamten zum Schutz der Republik. Die Substanz des letzteren wurde allerdings auf dem Weg durch die Reichstags- und Reichsratsausschüsse derart verwässert, daß ein Beamter weiterhin, entgegen den Absichten Brechts, einer verfassungsfeindlichen Partei angehören, lediglich für sie nicht „aufreizend“ werben durfte.

Das Beispiel zeigte, wie mühsam der Schutz der Verfassung war, wenn die Reichstagsmehrheit aus Verfassungsgegnern unterschiedlicher Couleur zusammengesetzt war. So war es nur folgerichtig, daß der deutschnationale Reichsinnenminister von Keudell den unbequemen Beamten Brecht im April 1927 in den einstweiligen Ruhestand versetzte, um ihn durch einen der DNVP nahestehenden Beamten zu ersetzen. Anders als im Reich herrschte allerdings in Preußen eine dauerhafte Koalition der republikanischen Parteien SPD, DDP und Zentrum, und der preußische Ministerpräsident, der Sozialdemokrat Otto Braun, ernannte Brecht umgehend zum preußischen Ministerialdirektor und Reichsratsbevollmächtigten, „um der Beamtenschaft zu zeigen, daß ein republikanischer Beamter, der seine Pflicht gegenüber der Republik tut, noch immer einen Rückhalt in Preußen hat“. Im übrigen gewann er bald das besondere Vertrauen Otto Brauns, der ihn 1928 zu seinem Vertreter im Verfassungsausschuß der Länderkonferenz für eine Reichsreform machte und ihn 1932, nach der verfassungswidrigen Absetzung der preußischen Minister durch den Reichskanzler von Papen, zum preußischen Klagevertreter vor dem Staatsgerichtshof bestellte.

Das Eintreten für Recht und Verfassung war allerdings dem Ansturm der rechtsverachtenden autoritären und totalitären Kräfte schon nicht mehr gewachsen. Gegen Papen und dann, nach der zweiten Absetzung der Regierung Braun durch das NS-Regime am 6. Februar 1933, gegen Hitler waren Reichsgerichtsurteile nur noch Papierfetzen. Brecht war es, der Hitler gegenüber am 2. Februar 1933 im Reichsrat die letzte freie Rede hielt. Daß er Hitler aufforderte, seine Ziele der Verfassung und den bestehenden Gesetzen unterzuordnen- und ihn auf seinen Eid verwies, nach dem er seine Geschäfte zum Wohl des ganzen Volks zu führen hatte, verzieh ihm der Diktator nicht. Wenig später wurde er ausgerechnet auf Grund des sogenannten „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ unter ehrenrührigen Begleitumständen aus dem Dienst entlassen. Ihm blieb die Wahl zwischen Konzentrationslager und Emigration.

Das Exil wurde ihm durch einen Glücksumstand leichter als den meisten seiner Leidensgefährten. Seine verfassungsrechtlichen Arbeiten und seine nebenamtliche Dozententätigkeit für die „Hochschule für Politik“ in Berlin hatten ihn auch in den Vereinigten Staaten bekannt gemacht; er erhielt einen Lehrstuhl für Politische Wissenschaft an der New School for Social Research in New York, wo er den Krieg über und bis zu seiner Emeritierung lehren konnte. Generationen amerikanischer Studenten – auch deutscher, die nach Kriegsende seine Gastvorlesungen in Heidelberg hören durften – verdanken ihm Erkenntnisse der Rechts- und Verfassungsgeschichte, die nur aus einer einmaligen Erfahrung kommen konnten. Daneben spielte er als Berater bei den Vorarbeiten zum Bonner Grundgesetz eine bedeutende Rolle. Später auch mit Gedanken zur Deutschlandpolitik, die den Ansatz der Brandtschen Regierung vorwegnahmen. Vor allem wirkte er jedoch durch Publikationen, darunter seine beiden Hauptwerke, „Political Theory“ und die beiden Bände seiner Erinnerungen: „Aus nächster Nähe“ und „Mit der Kraft des Geistes“.

In den letzten Jahren beschäftigte ihn die Inventur seines Lebens. Er suchte seinen eigenen Nachlaß zusammen und sortierte ihn. „Mein Leben“, schrieb er, „liegt gebündelt auf Regalen.“ Daneben schrieb er an seinem wissenschaftlichen Testament: einer Abhandlung über die Frage, ob die Institutionen des modernen Verfassungsstaats den Erfordernissen der Gegenwart und der übersehbaren Zukunft noch gewachsen seien. „Wenn das Buch fertig ist, bin ich auch fertig“, sagte er vor einiger Zeit. Vor wenigen Monaten hat er das Manuskript beenden können. Unmittelbar darauf besuchte er trotz seiner vielfachen körperlichen Behinderungen Deutschland wie alle Jahre zuvor, um seine Freunde und die Stätten seiner Vergangenheit wiederzusehen. In der Nähe seiner Vaterstadt Lübeck, in einem Krankenhaus in Eutin, ist er jetzt an den Folgen einer Operation gestorben.