Ich bin der Ansicht, um es ganz schlicht auszudrücken: Ein Film ist etwas Größeres als ich selbst, und dem habe ich mich zu unterwerfen, dem habe ich mit einer bestimmten Demut zu dienen und nicht umgekehrt.“ Dieser Satz könnte leicht aus einem Interview mit Ro-Satz könnte stammen, aber gesagt hat ihn, anläßlich seines ersten eigenen Films, ein ehemaliger Musiker, Fernseh-Dokumentarist und gelegentlicher Mitarbeiter der Zeitschrift „Filmkritik“ in München. Roald Koller gebraucht gerne Begriffe wie Gnade, Unschuld und Demut, nicht gerade Modewörter in unserer Kino-Szene, und tatsächlich sieht sogar sein junger Hauptdarsteller aus wie eine Bresson-Figur aus „Vier Nächte eines Träumers“ oder „Der Teufel möglicherweise“: ein schmaler, blasser, langhaariger Knabe, unsicher, in sich gekehrt, passiv der Welt gegenüber, einer, der nur aufzuwachen scheint, wenn es um seine Musik und um sein Mädchen: geht.

Um nichts anderes, um die Musik, von der er träumt als „Roadie“, Handlanger bei einer Deutschland-Tournee der schwarzen Soul-Gruppe „The Manhattans“, und um das Mädchen Monika, das ganz selbstbewußt in seinem Leben eine Rolle zu spielen beginnt, geht es in „Johnny West“: die Geschichte einer Arbeit, eines Aufstiegs und eine Liebesgeschichte, beide mit zaghartem Happy-End. Am Ende steht Johnny selber als Gitarrist und Sänger auf einer Bühne, wenn auch nur in einem amerikanischen Offiziersklub in Hanau – „For the first time: Johnny West“ – und er kehrt, nach einer Nacht mit einer Kellnerin, zu seiner Monika zurück. Irgendwie wird es weitergehen mit den beiden, auch ohne Unschuld.

Glücklicherweise ist „Johnny West“ nicht so feierlich wie der Anspruch seines Regisseurs. Seine Qualität bezieht der Film in erster Linie aus der schlichten, dokumentarisch präzisen Schilderung einer Arbeitswelt, die nichts mit der angestrengten Fröhlichkeit zu schaffen hat, die man im Popmusik-Gewerbe vermuten mag. Ausführlich zeigt Koller das gänzlich unglamouröse Hilfsarbeiterdasein der „Roadies“, die unterwegs sind zwischen Gießen und Bochum, von einem Termin zum nächsten hetzend, mißvergnügt riesige Ausrüstungen durch leere Stadthallen und Konzertsäle schleppend, ausgebeutet von einem cholerische Manager. Die „Roadies“ sind die letzten in der Hackordnung, die Musiker, in deren Glanz sie sich sonnen, behandeln sie mit milder Verachtung: ein brutales Geschäft, aus dem Johnny schließlich aussteigt, um zusammen mit einem Freund selber eine Gruppe aufzubauen.

Kalt und brutal ist auch das Land, durch das Kollers Figuren fahren: keine Traumlandschaften sensibler „Easy Riders“, sondern nächtliche Autobahnraststätten, kaputte Vorstädte, miefige Hotelzimmer, billige Nachtklubs. Der Film zeigt das in einem kargen, lakonischen Stil, ohne expressiven Ehrgeiz, mit einer manchmal überanstrengt wirkenden Strenge darauf bedacht, jede uberflüssige Kamerabewegung zu vermeiden. Nicht so gut funktioniert die Liebesgesdiidte in „Johnny West“, die gelegentlich fatal an die Fortsetzungsromane in Teenager-Blättern wie „Bravo“ erinnert. Wo die „Schulmädchen“-Klischees des Senioren-Kinos durch einen authentischen Tonfall ersetzt werden sollen, schleicht sich hinterrücks eine sonderbar, falsche Innigkeit ein: „Ich werde auf dich warten wie Aschenbrödel auf den Prinzen, oder wie das Märchen heißt“, schluchzt Monika verhalten, als Johnny ihr erklärt, daß er sich um seine Musik kümmern muß. Aber vielleicht wehren sich Zwanzigjährige tatsächlich, mit einer solchen neuen Süßlichkeit Regen die Ungemütlichkeit ihrer Lebensverhältnisse.

Hans C. Blumenberg