Noch ist das Brandopfer des verzweifelten Zeitzer Pastors Oskar Brüsewitz nicht vergessen, der mit seinem spektakulären Selbstmord der Kirche in der DDR „die Frage ins Gewissen brennen wollte: Seid Ihr noch die Kirche des Herrn?“ (Magdeburgs Bischof Werner Krusche) Noch hielt die Basis des Vertrauens zwischen den Christen und ihren Pfarrern in der DDR, weil verkündet worden war, daß die „Kirche zu den Ohnmächtigen gehört“ (Bischof Albrecht Schönherr, der Kirchenbund-Vorsitzende). Der außergewöhnliche Fall des Wolfgang Defort aber, die ungewöhnliche Tragik können Zutrauen und Zuversicht der Gläubigen in ihre Geistlichkeit in zerstörerische Zweifel ziehen:

Welchem Pastor kann künftig noch getraut werden, wenn er ins Vertrauen gezogen wird? Was ist das für eine Kirche, die sich hinter Verständnisbekundungen und Entschuldigungen zugunsten der „verräterischen“ Geistlichen versteckt? Und was ist das für ein Regime, das selbst Würdenträger der Kirche in ihrer Not in die verachtenswerte Rolle eines Judas zwingt?

Solchen quälenden Fragen sieht sich die Kirche in der DDR ausgesetzt. Andere Fragen stellen sich, ohne geifernden, propagandistischen Unterton, auch Christen und Pastoren in der Bundesrepublik: Was geschah an jenem 13. Januar? Und wie konnte das geschehen? Dazu gibt es den Augenzeugen Wolfgang Defort, den einen Betroffenen, und die Aussagen der Pastoren, der drei anderen Betroffenen, die von ihren Kirchenvorgesetzten einvernommen wurden. Nicht in der Schilderung des Ablaufs des Geschehens, wohl aber in der Beurteilung weichen sie stark voneinander ab.

Im „Tigerkäfig“

Der 35jährige Radio-Ingenieur Wolfgang Defort, der früher einmal bei der Kriminalpolizei gearbeitet haben und dessen Schwester im Sold des Staatssicherheitsdienstes stehen soll, war am 23. Juli 1973 vom 1. Strafsenat von Groß-Berlin wegen „Republikflucht“ und „staatsfeindlicher Hetze“ zu drei Jahren, acht Monaten Haft verurteilt worden. Zuletzt war er im Zuchthaus von Cottbus, litt – wie er berichtete – unsägliche Qualen im „Tigerkäfig“, einer Kellerzelle. Am Morgen des 13. Januar 1975 gelang ihm die Flucht aus dem als ausbruchsicher geltenden Gefängnis. In einem Möbelwagen vertauschte er erst die Kleider, ging dann zu Fuß weiter durch die Sümpfe, Kälte und Nässe, klopfte schließlich gegen 17.30 Uhr an die Pfarrhaustür im Dorf Forst-Eulo bei Guben an der Neiße, nahe der polnischen Grenze. Es war zu diesem Zeitpunkt nur die Frau des Pastors Rannenberg und der Kirchenälteste im Haus. Eine Stunde später traf der Pastor selber auf Defort. Und da begann die heillose Verstrickung:

Der Flüchtling erzählt ihm seine Geschichte, bittet ihn nicht nur um trockene Sachen, sondern auch um Beihilfe zur Weiterflucht Richtung Berlin-Bundesrepublik. In der Zwischenzeit versammelt sich im Pfarrhaus der Jugendkreis. Über dem Dorf kreist ein Hubschrauber der Volkspolizei, die Grenzwachen und Straßenkontrollen werden verstärkt, Häuser durchgekämmt. Eine Großfahndung läuft. Die Polizei ist Defort auf der Spur.

Rannenberg, der befürchten muß, daß viele Unbeteiligte (seine Frau, der Kirchenälteste, die Jugendlichen) in eine schier ausweglose Lage mit hineingezogen werden, weiß sich anders nicht zu helfen: Er zieht erst Pfarrer Radeke zu Rate, der sich später mit seinem Kollegen Herche von der Nachbargemeinde Forst-Nossdorf berät. Beide haben früher ebenfalls in Gefängnissen gesessen – Radeke 16 Monate wegen „staatsfeindlicher Hetze“, Herche sieben Monate wegen „Kanzelmißbrauch“.