Von Monika Sperr

Trotz zahlreicher Veröffentlichungen (zuletzt „Tagebuch einer Entziehung“ und „Dannys Traum“) gehört Hans Frick zu den Schriftstellern, die es noch immer zu entdecken gilt. Das liegt auch an Fricks spröder Zurückhaltung, seinem einzelgängerischen Wesen, vor allem an der Unbeirrbarkeit, mit der er, unberührt von allen literarischen Moden, seinen eigenen Weg geht: Ein sensibler Außenseiter, dem Wahrheit wichtiger ist als Erfolg – gerade deshalb ist ihm Erfolg zu wünschen, besonders seinem neuen dokumentarischen Buch –

Hans Frick: „Die blaue Stunde“, Roman; C.Bertelsmann Verlag, München, 1977; 127 S., 16,80 DM.

Hans Frick erzählt vom mühevollen Leben und Sterben seiner Mutter, wobei er sich um äußerste Knappheit und Wahrhaftigkeit bemüht. In dieser strengen Beschränkung auf das Wesentliche, dem Verzicht auf Ausschmückung oder intellektuelle Ausweitung der Fakten, Bilder und Erinnerungen liegt ein Zauber, der dieses Buch, das eigentlich nur bittere Erfahrungen beschwört, zu dem ergreifenden Dokument eines proletarischen Frauenschicksals werden läßt.

Achtzehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter geht Hans Frick den Spuren in seinem Innern nach. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil er mehr wissen will über sich und sein Leben, das mit dem der Mutter so eng verbunden war: „Die herausragenden Merkmale ihres Lebens waren Angst, Not und stille demütige Verzweiflung.“

Die Demut war der Mutter angeboren. Sie stammte aus einer Familie, die über Generationen hinweg hatte dienen und gehorchen müssen. Geboren 1905 in Bad Homburg als Tochter eines Tagelöhners und einer Wäscherin, kam sie nach dem frühen Tod des Vaters nach Frankfurt, wo sie erst zu „besseren Leuten“ waschen und bügeln ging, dann in die Fabrik als Arbeiterin. 1928 wurde sie arbeitslos; erst zehn Jahre später fand sie eine Stellung als Kolbenringkontrollarbeiterin in einer Maschinenfabrik. Dort arbeitete sie fast zwanzig Jahre lang. Für ihre Arbeit bekam sie in den letzten Monaten, als sie todkrank ausscheiden mußte, monatlich 137 Mark Rente.

Mit dreiundzwanzig lernte sie den ersten und einzigen Mann ihres Lebens kennen, den in Budapest geborenen jüdischen Kunsthändler Josef Agay-Altstädter. Als sie schwanger wurde, verließ der Mann sie, ohne seiner Unterhaltspflicht nachzukommen. Ihr Selbstmordversuch mißlang. Danach litt sie, ihr Leben lang, unter einem Schuldgefühl.

Hans Frick wurde 1930 geboren, als die Nationalsozialisten an die Macht drängten. Der Stellvertreter der neuen Machthaber hieß in Fricks Viertel Martin Weiß, ein tobsüchtiger SS-Mann, der bis zum Kriegsende mindestens 500 Morde an jüdischen und russischen Gefangenen beging. Hans Frick erfuhr erst spät, daß er Halbjude ist; früh jedoch erlebte er Verzweiflung und Angst der Mutter, die ihn vor den Nazis retten wollte und dabei selbst dem faschistischen Mob wehrlos ausgeliefert war. Anonyme Drohbriefe aus der Nachbarschaft und ständig befürchtete Denunziationen brachten sie an den Rand des Wahnsinns: „Am meisten mußte sie in jenen Jahren darunter gelitten haben, daß es außer ihrer Mutter keinen Menschen gab, mit dem sie sprechen konnte. Ein Volk, ein Reich, ein Führer: sie aber stand außerhalb und wußte in ihrer Hilflosigkeit nicht, wie sie sich verhalten sollte. Es kam vor, daß wir uns am Tisch gegenüber saßen, sie mich lange ansah und dann plötzlich hinausging, um sich in einem der beiden kleinen Zimmer einzuschließen. Depressionen, Gallenkoliken und ständige starke Kopfschmerzen bewirkten, daß sie oft tagelang nicht ansprechbar war.“

Die Großmutter war keine Hilfe, eher zusätzliche Last: eine krebskranke Frau, die fortschreitende Erblindung und zunehmendes Elend vor Tochter und Enkel zu verbergen suchte. Beide Frauen nahmen ihr Leben, für dessen Not und Qualen sie nichts konnten, wie ein selbstverschuldetes Unglück hin. Sie hatten nie gelernt, sich zu wehren und wagten nicht, auch nur die geringste Forderung an ihre Umwelt zu stellen. Beide Frauen waren ängstlich, verschreckt, doch nicht feige: Die Mutter tat, was sie nur konnte, um den in der Fabrik arbeitenden deportierten russischen Mädchen zu helfen: „Sie war auch schon gewarnt worden, aber sie überhörte die Ratschläge und ließ keine Gelegenheit aus, sich in der Öffentlichkeit mit den Russinnen zu solidarisieren. Später ist mir klargeworden, was sie mit ihrem Verhalten bezweckte: Sie hatte zum erstenmal in ihrem Leben versucht zu protestieren.“

Trotz aller Gefährdungen übersteht die Mutter Krieg und Nazizeit, eine schwerkranke Frau, physisch und psychisch: „Nach meiner Rückehr verging kaum ein Tag, an dem meine Mutter nicht beschwörend sagte: Jetzt brauchen wir aber keine Angst mehr zu haben.‘ Ihr Verhalten allerdings ließ erkennen, daß sie anders empfand und in Wirklichkeit selbst nicht glaubte, was sie sagte. Das Opfer litt weiter.“

Die Mutter stirbt, wie sie gelebt hat: ohne zu klagen, nach einem langen, schmerzensreichen Sterben. Kurz vor ihrem Tod steht sie ein letztes Mal vor der Fabrik, in der sie zwanzig Jahre lang Kolbenringe kontrolliert und sich dabei immer wieder sämtliche Finger zerschnitten hatte. Sie lächelt und sagt: „Ich bin eigentlich immer nur gestorben.“

Die letzten Seiten dieser Selbstbefragung gehören wegen der Zurückhaltung und Behutsamkeit, mit der ein Sohn seiner Mutter das Sterben zu erleichtern versucht, zum Schönsten und Ergreifendsten, das ich je gelesen habe.