Tausendundeine Nacht mit Lockheed-Millionen: Skandale, die Geschichte machten

Von Alexander Rost

Dodge City im Wilden Westen ist eine Stadt, in der, bis der Sheriff kam, Gewalt und Gaunerei regierten. In seiner "internationalen Dodge City", wie er es nennt, sieht Anthony Sampson die Waffenhändler aller Länder angesiedelt. Der britische Reporter hat einen Ruf als Fürchtenichts, der durch alle Vorzimmerschranken in die Palisanderholzhöhlen geheimer Macht und Machenschaften eindringt und Leute, die sonst schweigen wie Mafiosi, zum Plaudern verleitet. Seine Hartnäckigkeit hat ihm jedenfalls ermöglicht, in seinen Büchern über "Weltmacht ITT", jenen multinationalen Konzern, der zum Inbegriff des Multi wurde, und über "Die Sieben Schwestern", die Ölkonzerne (ZEIT Nr. 42/1973), einen wirren Haufen von Puzzles zu erstaunlichen Panoramabildern zusammenzufügen. Sein Reporterspürsinn auf schwierigstem Terrain hat ihm jetzt zu seinem dritten Buch verholfen, seinem bislang besten:

Anthony Sampson: "Die Waffenhändler "; Deutsch von Margaret Carroux; Rowohlt Verlag, Reinbek 1977; 347 S., 29,80 DM.

Über "die Geschichte eines tödlichen Geschäfts", so der reißerische Untertitel, "von Krupp bis Lockheed" soll berichtet werden (im Original heißt das Buch übrigens zurückhaltender und in Anspielung auf Levantinisches einst und Nahöstliches heute "The Arms Bazaar"). Historisches ist für Anthony Sampson freilich nur die kurze Anlaufstrecke zum Sprung in die 60er und 70er Jahre. Selbstverständlich taucht auch Basil Zaharoff auf, der zum Sir geadelte Vertreter britischer Rüstungsunternehmen, der als "Todeslieferant" in den Balkankriegen zum Archetyp des Waffenhändlers stilisiert wurde. Mehr jedoch ist zum Beispiel von Adnan Kaschoggi die Rede.

Er war der älteste Sohn der zweiten von drei Frauen eines Mediziners in Mekka, der einer der Leibärzte von König Ibn Saud wurde. Adnan ging, wie andere ehrgeizige Saudis auch, an kalifornische Universitäten, zuletzt nach Stanford. Ein Examen legte er nicht ab; dafür schaltete er sich in einen Lastwagenhandel mit arabischen Ländern ein und kehrte als Geschäftsmann mit freundschaftlichen Verbindungen zur königlichen Familie nach Riad und Dschidda zurück. Zu Hause aber blieb Adnan auch in der westlichen Welt. Er heiratete eine siebzehnjährige Engländerin, hatte vier Kinder. Er war Vertreter für zwei britische Firmen, Rolls-Royce und Marconi, erhielt die Konzession, die Gipsvorkommen in Saudi-Arabien auszubeuten, und hatte bald, wie Anthony Sampson erklärt, "etwa dieselbe Stellung wie Truchsessen im Mittelalter an europäischen Höfen, die bei der Versorgung der Paläste und der Heere gewaltige Vermögen erwarben".

An Kaschoggi gerieten die Manager der amerikanischen Flugzeugfirma Lockheed, als sie 1964 mit Saudi-Arabien ins Geschäft kamen. Er wurde Vertreter für die Hercules-Transporter; pro Flugzeugverkauf wurden ihm zwei Prozent Provision zugesagt. Ungesagt blieb, wofür genau die Provision gezahlt wurde. Kaschoggi legte Wert darauf, daß diese Angelegenheit in Privatkorrespondenz über seinen Mittelsmann in Genf abgewickelt wurde. 1967 gründete er die Firma Triad, eingetragen in Liechtenstein. Sie wurde die Drehscheibe von Geschäften, die nach dem Sechs-Tage-Krieg immer mehr in Schwung kamen. Im selben Jahr lernte Kaschoggi Richard Nixon kennen.