WDR III, Dienstag, 18. Oktober, 22.30 Uhr: „Die Dame im See“ (1947), amerikanischer Spielfilm von Robert Montgomery in der Retrospektive Hollywoods Schwarze Serie“.

Lockende Sirenen und naive Kriegsheimkehrer, zynische Dialoge und tödliche Ausgänge, schicksalhafte. Verstrickungen, Gier, Gewalt und Korruption: Nach dem optimistischen „New-Deal“-Kino der dreißiger Jahre ließ sich Hollywood während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg neue, beunruhigende Bilder und Töne einfallen. Die besten Regisseure des amerikanischen Films, von Howard Hawks und Fritz Lang bis zu Michael Curtiz und Joseph L. Mankiewicz, schufen düstere urbane Alpträume, Panoramen existentieller Verzweiflung: „Film Noir“ tauften die Filmhistoriker später diese Epoche, die 1941 mit John Hustons „Der Malteser Falke“ begann und Anfang der fünfziger Jahre ausklang, als im Zeichen der Ära Eisenhower wieder freundlichere Visionen gefragt waren.

„Eine von Hollywoods besten wie auch am wenigsten bekannten Epochen“ nennt der Kino-Historiograph und Drehbuchautor Paul Schrader („Taxi Driver“) die „Schwarze Serie“ der vierziger Jahre – ein Urteil, das sich an Hand einer opulenten Retrospektive überprüfen läßt, die die Filmredaktionen der Dritten Programme in Köln und München vorlegen. Bis zum Jahresende zeigt West III noch 15 Beispiele des „Film Noir“, darunter fünf deutsche Premieren, die anderen „Dritten“ werden folgen.

Nicht zuletzt Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett und James M. Cain, die Exponenten des „hartgesottenen“ Schule des amerikanischen Kriminalromans, prägten die Inhalte der Schwarzen Serie, ihren mangelnden Glauben an die Tragfähigkeit der alten amerikanischen Ideale, ihren lakonischen Pessimismus im Zeichen totalitärer Bedrohung, zivilisatorischer Verwilderung und moralischen Verfalls. Hammetts Roman „Der gläserne Schlüssel“ wurde gleich zweimal verfilmt, schon 1935 von Frank Tuttle (zu sehen am 3. November), 1942 von Stuart Heisler (2. November). Als Lohnschreiber in Hollywood arbeitete Chandler nicht nur für Billy Wilder und Alfred Hitchcock, sondern schrieb auch das Drehbuch zur „Blauen Dahlie“ (8. November) von George Marshall, die weniger von einer Kriminalintrige handelt als von der untergründigen Furcht amerikanischer Männer des Jahres 1946 vor ihren Frauen, die während des Krieges ein neues Selbstbewußtsein erlangt hatten.

Den ungewöhnlichsten Versuch einer Chandler-Verfilmung unternahm 1947 Robert Montgomery mit „The Lady in the Lake“ (Die Dame im See): ein stilistisches Experiment mit der subjektiven Kamera, die den Platz des Ich-Erzählers Philip Marlowe einnimmt und zum eigentlichen Hauptdarsteller wird. Marlowe selber bleibt fast gänzlich unsichtbar und löst den komplizierten Mordfall mit allen „schwarzen“ Ingredienzen von Verrat, Doppelspiel und mörderischen Neurosen aus dem Off.

Wenngleich nur gelegentlich geglückt und über weite Strecken recht unbeholfen inszeniert und gespielt, ist „Die Dame im See“ doch typisch für den „Film Noir“, dessen Bedeutung mehr mit formalen als mit inhaltlichen Elementen zu tun hat. Auch in den besten Filmen der Schwarzen Serie bleibt die Handlung oft diffus bis unverständlich, erweist sich als bloßer Anlaß für die Kreation einer extrem künstlichen Nacht- und Schatten-Welt, deren raffiniert eingesetzte Lichteffekte einen im Atelier gebauten Großstadtdschungel in bedrohliches Halbdunkel tauchen. Nicht zufällig waren viele der besten Regisseure des „Film Noir“ deutsche Emigranten, die das amerikanische Kino um die Kamera- und Beleuchtungstechniken des expressionistischen Stummfilms der Weimarer Republik bereicherten: Fritz Lang, Otto Preminger („Laura“, 25. Oktober), Billy Wilder („Boulevard der Dämmerung“, 26. Oktober) oder auch der noch immer verkannte Robert Siodmak, von dem gleich drei hervorragende Filme zu sehen sind: ,Gewagtes Alibi“ am 15. 11., „Zeuge gesucht“ am 22. 11. und „Die Killer“ am 29. 11.

Die Schwarze Serie läßt sich denn auch nicht als Genre definieren (obwohl fast alle Filme kriminalistische Aspekte aufweisen), sondern nur als Stil: als einer der reichsten in der Geschichte Hollywoods, sowohl visuell als auch in bezug auf die Erzählstrukturen, die sich oft von „Citizen Kane“ inspirieren ließen. Daß die durch und durch pessimistische Nachtwelt des „Film Noir“, in der nie die Sonne scheint, in der die Figuren oft hinter Schrägen und Schatten zu verschwinden drohen, in den siebziger Jahren unversehens wieder aktuell geworden ist, belegt die Remake-Sucht Hollywoods. Eine Chandler-Neuverfilmung folgt auf die andere, zur Zeit dreht Michael Winner „The Big Sleep“ mit Robert Mitchum als Marlowe. Martin Scorsese, der mit „Mean Streets“ und „Taxi Driver“ zwei wirklich tiefschwarze Filme schuf, nennt sogar „New York, New York“ ein „Musical Noir“. Hollywood trägt wieder Schwarz.

Hans C. Blumenberg