Paris

Er war ein tapferer und zäher Bursche, es konnte keinen tapfereren geben. Aber, du lieber Gott, wie ihm das Mundwerk ging! Und wenn er aufgeregt war, dann schwatzte er drauflos, unbekümmert um die Folgen seiner Indiskretion. Solche Folgen hatte es schon genug gegeben.“ Das schreibt Ernest Hemingway in Wem die Stunde schlägt über einen Freund, Valentin González, den im Spanischen Bürgerkrieg und später alle Welt nur als El Campesino kannte.

Auch heute noch braucht man El Campesino, jenen legendären General aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Gegenspieler Francos; der sich als der Revolutionsheld Spaniens fühlt, nur anzutippen – und schon sprudelt es aus ihm heraus. Er redet, er gestikuliert, ob man sein schnelles Spanisch versteht oder nicht; er vergißt, daß er, weit weg von Spanien, in der lothringischen Stadt Metz lebt, wo man eigentlich französisch spricht.

Dies alles kümmert ihn so wenig wie besagte mögliche Folgen, denn bei der Ausländerpolizei und der Sûreté, der Sicherheitspolizei, ist er ohnehin Stammgast: Er wird überwacht. Auch das kann ihm den unerschütterlichen Glauben nicht nehmen, den er seit seiner Flucht, seit 1939, pflegt, daß er nämlich eines Tages zurückgeht – in ein republikanisches Spanien, in ein sozialistisches Spanien, das dann Juan Carlos. hinter sich haben wird.

Der König? Da kann er nur verächtlich die Arme hoch werfen. „Ein Bourbone, nicht mal ein richtiger Spanier. Und seine Frau, was hat die mit Spanien zu tun?“ El Campesino rückt näher, spricht leiser, eindringlich: Drei, vier Jahre noch, dann ist auch Spanien sozialistisch. So wie Portugal und – vielsagend hebt er die Brauen über den brennenden Augen – ab Frühjahr kommenden Jahres Frankreich, das ist ja ganz klar. Die drei Länder zusammen, das ist dann die stärkste Macht in Europa, und bis dann die Bundesrepublik, als nächstes, und die anderen Länder sozialistisch sind, das ist nur eine Frage der Zeit. „In Spanien wird es davor vielleicht einen Bürgerkrieg geben, vielleicht auch nicht, man wird sehen.“

So spricht er, immer schneller, mischt dazwischen seine großen Taten der Vergangenheit, Stationen seiner Flucht von Sibirien nach Teheran, nach Paris. Da sitzt der 68jährige, kleine, gedrungene Mann in seinem Stammcafé gegenüber der Kathedrale, nimmt einen Espresso nach dem andern und redet. Am liebsten über sich. Damals im Bürgerkrieg war er, armer Leute Kind, General und vollbrachte Heldentaten. Francos Leute haben ihn nicht geschnappt. Er floh nach Afrika, kam nach Paris und Moskau, wo er mit dem Kommunismus brach, was ihm Lagerhaft in Sibirien einbrachte.

Von dort floh er nach Teheran, wurde zurückgebracht, floh wieder, kam über den Umweg Teheran wieder nach Paris, nahm an den Untergrundkämpfen gegen Franco in den Pyrenäen teil, wurde 1961 verletzt. Auch als die Franzosen ihn festsetzten, flüchtete er, stellte sich später in Paris, wo ihn die Polizei zur vorläufig letzten Station seines abenteuerlichen Lebens brachte, nach Metz. Seit 1966 lebt er hier in einem Altersheim, von kleiner Rente, was ihn nicht hindert, illegal nach Spanien zu reisen. 21mal will er dort gewesen sein, und für diesen Herbst plant er angeblich eine neue Reise.