Man könnte, während man das Bild mit seiner Gegenlicht-Frische auf sich wirken läßt, fortfahren, zum Beispiel so: Die Hochbahn, der vielen Türken hier wegen Orient-Expreß genannt, endet hinter der dritten Station an der Sektorengrenze nach Ost-Berlin; dem Aufbau, den der Kran zeigt, ging an dieser Stelle ein so gründlicher Abriß voran, daß mit den Häusern und den alten Straßen auch viel Typisches ausgemerzt wurde; es ist ein mit Problemen hoch beladener Stadtteil, von dem man hofft, daß er mit seiner sozialen Schlagseite nicht ganz „umkippt“ – lauter Notizen, die dem Photo eigentlich schon innewohnen. Es gibt viele solcher eigenartigen, schönen, leisen, unauffällig ernsten, viele solcher schwanger wirkenden Bilder in diesem Band: „Berlin – Landschaften einer Stadt“, photographiert von Manfred Hamm, herausgegeben von Richard Schneider, versehen mit viersprachigen Texten (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1977; 120 Photos, davon 26 farbig, 152 S., broschiert 38,–, Ganzleinen 48,– DM). Er zeigt natürlich nicht einfach „Berlin“, erst recht nicht, wie es leibt und lebt, sondern eher, wie es daliegt, unter gewöhnlichen, unerwartet stimmungssatten Wolkenhimmeln, im Gegenlicht der auf- oder untergehenden Sonne, im Morgennebel, im Mittagsdunst. So sieht das wenige hier mitgeteilte offizielle Berlin mit Gedächtniskirche und Mauer fremd und neu, das inoffizielle, kaum gekannte, erst recht nicht bewußt gesehene Berlin mit Fabriken, Hinterhofgewerbe, Fischern, mit Äckern, Flugplatzpisten, Straßen, Brandmauern (und einem Konvolut von bildenden Künstlern) ganz poetisch aus, wirklich: poetisch, kein Drama, kein lauter Ton, etwas zum Sinnen. Die Bilder ziehen vorüber wie ein Stummfilm mit Unterschriften, den man vor- und zurückdreht.

Ein anderes Bilderbuch zeigt demgegenüber die Stadt, wie sie war: „Berlin 1900 – die Reichshauptstadt in Holzstichen der Jahrhundertwende“ (herausgegeben von Gustav Sichel schmidt; Rembrandt Verlag, Berlin, 1977; 64 S., 28,80 DM): eine vordergründige sentimentale Erinnerung. So viel Koketterie mit dem heute scheinbar so Komischen darf man sich eigentlich nicht mehr leisten, es sollte schon etwas dazukommen: zum Beispiel die Mitteilung, was aus den vielen Häusern, Ecken, Brücken geworden ist. Was denkt sich so ein Herausgeber, wenn er die Kaiserpassage zeigt und nicht sagt, wo sie ist, nein war? Wie sich der Belle-Alliance-Platz heute darstellt? Welches der „Standbilder auf dem Wilhelmplatz“ wen darstellt?

So taugt diese liederliche Holzstichsammlung nicht einmal als Illustration für den Reclam-Führer: „Berlin – Kunstdenkmäler und Museen“ (Deutschland, Band VII; Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1977; 800 S., 118 Abb. u. Pläne, 38,80 DM). Daß Berlin weniger eine Kunststadt als eine Museumsstadt sei, weil es an „importierter Kunst“ viel mehr biete als an Bauwerken und hier entstandener Kunst, scheinen die drei mit Architektur befaßten Verfasser (Eva und Helmut Börsch-Supan und Günther Kühne) selber zu widerlegen: Sie haben doch – immerhin zu dritt – bei weitem mehr mitzuteilen als die Kunst-Berichterstatterin (Hella Reelfs). Ihr Führer ist überaus praktisch angelegt: Es gibt eine gut zusammenfassende kunstgeschichtliche Einführung, eine Zeittafel, einen hervorragenden Registerapparat (Literatur, Personen und Objekte, die allesamt in Karten getreulich verzeichnet und schnell zu finden sind); die Stadt (Ost- und West-Berlin) wird bezirksweise vorgeführt. Die Gliederung ist sinnfällig, die Sprache genau und klar, die Information erstaunlich vielfältig und gründlich, die Illustrierung überlegt. Manfred Sack