Von Claus Voland

In Nordrhein-Westfalen blasen die Christdemokraten zum Schulkampf. Der Feldzug gegen die von SPD und FDP gewollte kooperative Schule soll die sozial-liberale Landesregierung in Düsseldorf noch vor der nächsten Landtagswahl 1980 aus dem Amt jagen. Am Mittwoch dieser Woche beschloß der nordrhein-westfälische Landtag mit den Stimmen der Koalitionsparteien SPD und FDP das Gesetz über die kooperative Schule (Koop-Schule). Die im Parlament unterlegene CDU versucht mit Hilfe von Eltern vereinen, der Gymnasien und Realschulen sowie des Philologenverbandes die Bevölkerung gegen die neue Schulreform zu mobilisieren. Jetzt soll ein Volksbegehren SPD und FDP in die Knie zwingen, nachdem eine von der CDU und verschiedenen Elternvereinen landesweit organisierte Protestwelle das Gesetz nicht zu Fall bringen konnte. Eine Bürgeraktion, die das Volksbegehren organisiert, ist bereits gegründet und residiert unter dem Dach des Philologenverbandes (Interessenvertretung der Studienräte) in den Räumen des Philologenverlages in Düsseldorf.

Worum geht der Streit, der seit über einem Jahr in Nordrhein-Westfalen tobt? Die kooperative Schule, Teil der Koalitionsvereinbarung von SPD und FDP 1975, faßt die drei Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium organisatorisch zusammen, mit einem Lehrerkollegium und einem Schulleiter. Die Klassen fünf und sechs bilden die Orientierungsstufe, in der die Schüler der drei Schultypen gemeinsam unterrichtet werden. Nach dem Ende der sechsten Klasse bestimmen die Eltern nach Beratung mit den Lehrern, ob ihr Kind künftig innerhalb der Koop-Schule die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium besucht. Die neue Schule unterscheidet sich von der integrierten Gesamtschule, indem Haupt- und Realschule und Gymnasium als Schulformen mit eigenen Abschlüssen erhalten bleiben. Die dreißig integrierten Gesamtschulen Nordrhein-Westfalens haben nur den Status eines Schulversuchs.

Dagegen ist die kooperative Schule nicht als Versuch gedacht, sondern als eine Normalschule neben den bisherigen Schultypen. Die Koop-Schule wird niemandem aufgezwungen, denn zunächst entscheidet die jeweilige Gemeinde, ob sie diese Schule einführen will. Der Antrag muß dann vom Kultusministerium genehmigt werden. Große Städte wie Duisburg, Essen, Gelsenkirchen haben zur Zeit keinen Bedarf an Koop-Schulen. Anders sieht es in ländlichen Gebieten aus, wo die Zusammenlegung verschiedener Schulen sinnvoll ist.

Die kooperative Schule versucht, ein Problem zu lösen, das spätestens 1985 für Städte und Gemeinden mit zwölftausend bis fünfundzwanzigtausend Einwohnern auftreten wird: der drastische Rückgang der Schülerzahlen. 1975 wurden in Nordrhein-Westfalen nur noch halb soviel Kinder geboren wie zehn Jahre zuvor. In zehn Jahren werden also nur noch halb soviel Schüler wie heute Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien besuchen. Wo die Schüler fehlen, müssen die Schulen zugemacht werden. Von 1985 bis 1990 müßte ungefähr die Hälfte aller Hauptschulen geschlossen werden. Aber auch Realschulen und Gymnasien müßten vor allem in den ländlichen Gebieten Nordrhein-Westfalens aufgegeben werden. Das Ergebnis: Viele Städte und Gemeinden verlören einen Teil ihrer Schulen, weil in zehn Jahren einhundertvierundsiebzig von dreihundertdreiundneunzig Gemeinden nicht mehr in der Lage sein werden, ein vollständiges Schulangebot der drei Schulformen in den Klassen fünf bis zehn anzubieten. Das bedeutet, die Kinder müßten mit Bahn oder Bus weite Strecken zum Beispiel bis zur nächsten Realschule oder bis zum Gymnasium fahren.

Die kooperative Schule fängt diese negative Entwicklung auf, indem sie schwankende Schülerzahlen in den drei Schultypen ausgleichen kann. Weniger Schüler in der Hauptschule, aber mehr in Realschule und Gymnasium heißt für die Koop-Schule nur innerbetriebliche Veränderungen. Lehrer, Klassenräume und Schuleinrichtungen werden dann stärker für Realschule und Gymnasium eingesetzt. Die Schule insgesamt bleibt erhalten. Sollte es wieder einmal umgekehrt kommen und mehr Kinder als heute geboren und eingeschult werden, kann das Gewicht innerhalb der kooperativen Schule wieder auf die Hauptschule verlagert werden.

Die Zusammenarbeit der drei Schulformen unter einem Dach erhält vielen Gemeinden "ihre" Schule; verbessert das Bildungsangebot für die Kinder, läßt kleinere Klassen zu, erweitert die Kenntnisse und Erfahrungen der Lehrer und garantiert die wirkungsvolle Ausnutzung aller Einrichtungen der Schule von der Turnhalle bis zu teuren Experimentiergeräten in Physik und Chemie.