Der große Sport", so hat Bertolt Brecht geschrieben, "fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein." Wenn Brecht, der 1956 starb, noch miterlebt hätte, wohin "der große Sport" sich in der Zwischenzeit entwickelt hat, so wäre sein Urteil sicherlich noch um einiges drastischer ausgefallen. Die Todesfälle von Radfahrern wie dem britischen Ex-Weltmeister Simpson und Boxern wie dem Kölner Profi Jupp Elze, verursacht unter extremer Belastung durch die Einnahme von Aufputschmitteln, hatten seinerzeit zum erstenmal die breite Öffentlichkeit auf die pharmakologische Manipulation im Hochleistungssport aufmerksam gemacht. Der Sport trug plötzlich dunkle Flecken auf seiner bis dahin scheinbar weißen Weste.

Die Mißstände, die damals aufgedeckt worden waren, sind aus heutiger Sicht nur die Spitze eines Eisbergs, dessen Dimensionen offenbar um so gewaltiger sind, je phänomenaler die Leistungen und Rekorde im Spitzenbereich zahlreicher Disziplinen werden. Nach und nach hatte sich nämlich der Nebel der Bewunderung, der die immer neuen Erfolge und Bestmarken umgab, gelichtet. Anabolika, Blutdoping, Aktion. "Luft im Darm" – das sind nur einige Schlagworte aus der Diskussion, die seit den Spielen von Montreal die Gemüter wieder erhitzt. Legt man die von Professor Paul Nowacki, dem ehemaligen Arzt der Ruder-Nationalmannschaft, beim Doping-Hearing des Sportausschusses des Deutschen Bundestages in Bonn vorgetragene Zahlenangabe als Basis für die zur Zeit geübte Praxis zu Grunde, so erscheint das Verhältnis zwischen Medizin/Pharmakologie und Spitzensport in einem seltsamen Licht: Insgesamt 1500 Spritzen seien während der olympischen Tage von Montreal bei den deutschen Sportlern injiziert worden – bei einer Mannschaftsstärke von etwas mehr als 300 Aktiven also fast fünf Spritzen für jeden. Leistungsschübe per Kanüle oder: Was andere können, können wir auch.

Wenn es sich bei diesen Medikamenten-Gaben wegen der zu befürchten den Kontrollen schon zwangsläufig nicht um unerlaubte Substanzen gehandelt haben dürfte, so dokumentiert das Ausmaß doch eine fatale Bereitschaft von Sportlern, Medizinern und Funktionären, mit fast allen Mitteln die Chancen auf Platz und Sieg zu erhöhen. Wen kann es da wundern, daß die Grenzen vom Erlaubten zum Verbotenen häufig überschritten worden sind und diese Gefahr weiterhin vorhanden ist? Das Vorhaben des Deutschen Sportbundes (DSB), der medizinischen, pharmakologischen und technischen Manipulation durch eine Anti-Doping-Charta zu begegnen, ist zwangsläufig so lange ein Versuch am untauglichen Objekt, wie der Wille und die Möglichkeit zu steter Kontrolle fehlen. Hatte DSB-Präsident Willi Weyer noch Anfang des Jahres lautstark und entschieden für "Kontrollen auch auf unterster Ebene" plädiert, so sprach sich jüngst, knapp vier Monate nach Verabschiedung der Charta, die wissenschaftliche Kommission des Bundesausschusses für Leistungssport während einer Tagung in Beckstein (Taunus) "gegen alle etwaigen Kontrollmaßnahmen beim Training der Spitzensportler" aus. Emil Beck, Fechtbundestrainer und Vorsitzender der DSB-Trainer-Kommission, erklärte, dem Mißbrauch von Doping-Mitteln, und muskelbildenden Anabolika müsse vor allem durch mehr Betreuung und Aufklärung entgegengewirkt werden.

Solcherlei Platitüden scheinen lediglich die Angst der Trainer (und Athleten) vor den Kontrolleuren auszudrücken. Denn daß gerade die Anabolika trotz vielfältiger Aufklärung immer noch verharmlost und ihre Nebenwirkungen häufig ignoriert werden, läßt sich wohl kaum bestreiten. So war zum Beispiel vom ehemaligen 100-Meter-Meister Manfred Ommer während des Bonner Hearings zu erfahren, Bundestrainer Thiele, der bis Montreal die Sprinterinnen betreut hatte, habe sich dafür eingesetzt, daß die Damen seines Quartetts in der Vorbereitungszeit auf die Olympischen Spiele mit Anabolika versorgt würden. Eine davon, die mittlerweile zurückgetretene Annegret Boller-Kroniger, soll sogar bereit sein, das in ihrem Fall auf ihren Eid zu nehmen.

Dabei sind, wie die Endokrinologische Gesellschaft Mitte des Jahres in einer Stellungnahme zur Anabolika-Diskussion durch ihre "Ständige Kommission Steroidtoxokologie" erklären ließ, die Gefahren gerade für die Frauen besonders groß. Die unter der Titelzeile "Anabolika: Klitoris größer, Penis kleiner" in der Zeitschrift Medical Tribune abgedruckte Stellungnahme endet nach Aufzählung der möglichen Schädigungen bei Mann und Frau mit dem Fazit: "Anabole Hormone sind also, ebenso wie andere Steroidhormone, hochwirksame, mit gravierenden Nebenwirkungen belastete Pharmaka, die nur bei strenger Indikationsstellung verordnet werden sollten. Ihre Anwendung zur Leistungssteigerung im Sport ist medizinisch nicht vertretbar."

Diese Erkenntnisse werden aber offensichtlich von manchen Funktionären, Trainern und Athleten immer noch mit dem Mantel der Ignoranz verhüllt. Liesel Westermann, die ehemalige Weltrekordhalterin im Diskuswurf, zitiert in ihrem Buch "Es kann nicht immer Lorbeer sein" auf Seite 141 den Mainzer Apotheker Horst Klehr, ehemaliges Mitglied der DLV-Anti-Doping-Kommission, der in einer Rede beim Verbandstag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes am 26. April 1977 unter anderem sagte: "Ich stelle fest, daß mit Wissen des DLV-Präsidenten", gemeint ist Professor Dr. August Kirsch, "DLV-Trainer Anabolika an Jugendliche verteilen, ohne sich verantworten zu müssen. Ich stelle fest, daß die DLV-Ärzte Dr. Keul, Dr. Klümper und Dr. Kindermann nach ihren eigenen Aussagen an Athleten Anabolika verabreichten, um – wie sie betonen – die Athleten vor Selbstmedikation zu schützen." Und zwei Seiten weiter fragt die Autorin: "Warum verlangte niemand zumindest eine Stellungnahme von Herrn Dr. Kirsch, der wiederholt behauptet hat, daß Anabolika nicht auf der DLV-Dopingliste stehen? Warum darf Herr Dr. Kirsch von ihm bekannten Athletinnen sprechen, die Anabolika nehmen, und ungestraft behaupten, daß er keinen Grund sieht, gegen diese Athletinnen vorzugehen?"

Ebenso entschieden bezieht Brigitte Berendonk. Oberstudienrätin aus Heidelberg, und als Diskuswerferin eine Zeitlang Sprecherin der Nationalmannschaft, Stellung. Sie hatte schon vor acht Jahren in der ZEIT auf die gefährliche und schädliche Anabolika-Medikation hingewiesen und damit einen langwierigen Disput zwischen Gegnern und Befürwortern entfacht. Mit Verve kämpft sie immer noch für einen "sauberen Sport" – und das, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Dabei hat sie in Beiträgen für Zeitungen und in Fernsehinterviews einen weiteren gravierenden Aspekt in die unerfreuliche Diskussion eingebracht: "Skandalös ist die Tatsache, daß sich in diesem Lande überhaupt Mediziner dazu bereit erklären, rezeptpflichtige Präparate ohne Indikation zu verabreichen. Das ist eine Tatsache, die endlich einmal die Ärztekammern und Staatsanwälte interessieren sollte".