In ebenso hartem Kontrast, wie die beiden Räume, die die Schwerpunkte von Runges zeichnerischem und malerischem Werk vereinen, aufeinander folgen, schließen sich dann in vier kleineren Kabinetten die frühen Scherenschnitte und Schattenrisse an (präzise Geläufigkeitsübungen zur Bestimmung der Kontur); die akademischen Versuche (in deren Unbeholfenheit Runges ganzer Widerstand gegen diese ihm ahistorisch und unsinnig erscheinende Auffassung von der Kunst durchschlägt); die Ossian-Blätter (ein Illustrationsauftrag des Verlegerfreundes Perthes, der Runges am Licht und der Schöpfung orientiertes Temperament in komischer Kollision mit Finsternis und Chaos zeigt – Graf Leopold Stolberg, der Übersetzer dieser Neuausgabe des Ossian, lehnte Runges "Pantheisterei" auch prompt ab); die Studien zur Geometrie und Farbtheorie schließlich (die letztere, mit der sich Runge durch wissenschaftliche Untersuchung der Zusammenhänge von Licht und Farbe die für seine Malerei zentrale Qualität der Durchsichtigkeit des Plastischen erarbeitete, wurde von Goethe in den Anhang seiner "Farbenlehre" aufgenommen).

"Wie können wir nur denken, die alte Kunst wieder zu erlangen? Die Griechen haben die Schönheit der Formen und Gestalten aufs höchste gebracht in der Zeit, da ihre Götter zu Grunde gingen... bey uns geht wieder etwas zu Grunde ... alles ist luftiger und leichter, als das bisherige, es drängt sich alles zur Landschaft, sucht etwas bestimmtes in dieser Unbestimmtheit und weiß nicht, wie es anzufangen? sie greifen falsch wieder zur Historie und verwirren sich ... Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen." In Runges programmatischem Aufschrei, eine heftige und für ihn selber klärende Reaktion auf die Ablehnung seines Blattes "Achill und Skamandros" durch Goethes Weimarer Kunstfreunde (1802), liegen die Parameter seines Konzepts: die Natur steht über der Geschichte, die Idee über der Realität, Kunst ist nicht Beschreibung irdischer Wirklichkeit, sondern Illumination überirdischer Wahrheit.

Werner Hofmann, der Leiter der Hamburger Kunsthalle und Initiator der Ausstellung, hat seinen grundsätzlichen Einleitungsessay zum Katalog an dem berühmten Brief von Brentano (21. Januar 1810) orientiert, in dem dieser Runge als einen Künstler beschreibt, der, in verlorenen Zeiten, "sich umsehen muß in sich selbst, um das verlorene Paradies zu construieren". Auf diese Konstruktion des Paradieses, eine rationale Anstrengung mit irrationalem Ziel, läuft Runges Bemühung immer heftiger hinaus, mit Hilfe eines verzweigten Systems natürlicher "Arabesken und Hieroglyphen" beschreibt er diesen durch die ewige Geometrie stabilisierten, durch den ewigen Kreislauf bewegten Kosmos. Die Blume ist in diesem Zusammenhang ein für ihn zentrales Motiv: formal steht sie in der Reihe zwischen seiner frühen "Mystischen Kreisfiguration" (1803, im Brief an Tieck erklärt als die "erste Figur der Schöpfung") und der "Farben-Kugel", die in seinem Todesjahr erschien; symbolisch widerspiegelt sie den Kreislauf der Tageszeiten, Jahreszeiten, Lebenszeiten.

Runges Paradies, in den "Zeiten" versuchsweise auf die Erde gezwungen als eine "abstrakte mahlerische phantastisch-musikalische Dichtung mit Chören" ist eine Utopie, deren Reiz auch im Charakter des Fragmentarischen liegt. Mit Konzentration und Phantasie kann man, über Untiefen auch endlos süßer Engelsköpfe und endlos verschränkten Rankenwerks hinweg, sich diesen mutigen, überschwenglichen Plan wieder zusammensetzen. (Kunsthalle bis zum 8. Januar 1978, Katalog 28,50 DM)