ARD, Dienstag, 8. November, 21.15 Uhr: „Die Konsequenz“ von Wolfgang Petersen und Alexander Ziegler.

Zwanzig Filme in sechs Jahren: Nur Fassbinder ist hierzulande produktiver als Wolfgang Petersen, der sich schon 1972 einen Namen machte als Regisseur des bis heute besten „Tatort“-Krimis („Jagdrevier“, ein holsteinischer Western), der im gleichen Jahr Wolfgang Menges „Smog“ in einen dokumentarischen Horrorfilm über die Unbewohnbarkeit der Städte umsetzte und 1973 mit „Einer von uns beiden“ ein beachtliches Kino-Debüt gab. In den letzten Jahren freilich schien der alte Schwung unwiederbringlich dahin: mit mittelmäßigen Krimis („Aufs Kreuz gelegt“, „Vier gegen die Bank“) und braven sozialkritischen Pflichtübungen (die Zweiteiler „Stadt im Tal“ und „Stellenweise Glatteis“) entwickelte sich Petersen mehr und mehr zum technisch versierten, glanzlos zuverlässigen Fernseh-Routinier. Man konnte sich darauf verlassen, daß er seine Drehzeiten einhielt, seine Budgets nicht überzog und allemal ein ordentliches Produkt ablieferte: das ist durchaus nicht die Regel in diesem Gewerbe, für einen Mann mit Petersens Talent auf die Dauer aber doch zu wenig.

Petersens zwanzigster Film macht wieder Hoffnung für die Zukunft dieses Regisseurs, nicht nur seines ungewöhnlichen Themas wegen. Nach dem autobiographischen Roman „Die Konsequenz“ des Schweizers Alexander Ziegler, mit dem zusammen Petersen auch das Drehbuch schrieb, erzählt er eine Liebesgeschichte unter Männern: Im Gefängnis lernt der Schauspieler Martin Kurath (Jürgen Prochnow), verurteilt wegen der „Verführung eines Minderjährigen“, den 16jährigen Thomas (Ernst Hannawald), Sohn eines Aufsehers, kennen. Liebe auf den ersten Blick, mit all den Schwierigkeiten, die auch ein hetero-sexuelles Verhältnis unter diesen Umständen belasten würden: Empörung bei den Eltern, Thomas kommt ins Erziehungsheim, Martin verhilft ihm zur Flucht über die Grenze nach Deutschland, ein falscher Freund taucht auf, die Liebe geht kaputt, Jahre später sieht man sich wieder, Thomas will sich umbringen und landet in einer psychiatrischen Anstalt.

Das böse Ende dieser Liebesgeschichte setzt Petersen an den Anfang seines Films, erzählt den Fall in einer langen Rückblende: doch nicht als wohlfeilen, sich beim Zuschauer anbiedernden Sozialkitsch, sondern tatsächlich als Liebesgeschichte – ganz altmodisch, spröde, neugierig, zärtlich, banal. Im Gegensatz etwa zu Rosa von Praunheim, der mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers...“ eine direkte Provokation suchte, zeigen Petersen und Ziegler – ohne Prüderie, aber auch ohne spektakuläre Einlagen – die Normalität einer homosexuellen Beziehung. Und gerade aus dieser Selbstverständlichkeit, mit der sich der Film auf die Gefühlswelt der beiden Männer einläßt, bezieht er seine Wirkung. Der Zuschauer, sagt Petersen, soll am Ende vergessen haben, daß sich hier zwei Männer lieben.

„Die Konsequenz“ ist weder herablassend jovial noch schlüpfrig, nur manchmal, in der Zeichnung einiger negativer Kontrastfiguren, zu grobschlächtig didaktisch im schlechten Fernseh-Sinn. Doch über diese Schwächen helfen die nuancierte Schwarzweiß-Photographie und das unglaublich intensive Zusammenspiel von Jürgen Prochnow und dem 17jährigen Laien Ernst Hannawald hinweg. Dieser Junge, der selber viel von dem erlebt hat, was Thomas Manzoni in der „Konsequenz“ zustößt, spielt seine Rolle mit einer Authentizität und emotionalen Betroffenheit, wie es sie im Fernsehen kaum je zu sehen gibt.

Hans C. Blumenberg