Profitlüsterne Scribbler schimpfte sie der Philanthrop Gedike und verglich die Mehrzahl von Kinder- und Jugendbuchschreibern mit ausgehungerten Heuschreckenschwärmen, die sich gierig über ein neues Feld der Literatur hermachten. Zweihundert Jahre später will das Zitat zwar nicht mehr auf Autoren, sehr wohl aber auf bestimmte Vermittler passen.

Innerhalb eines einzigen Jahres gelang es zum Beispiel dem ZDF-Kinderprogramm, drei echte Kinderbuch-Klassiker mit dem anhaltenden Beifall eines Millionenpublikums erbärmlich zu verhackstücken: „Heidi“, „Pinocchio“ und „Biene Maja“, in Wochenraten serviert, bescherten sogar noch tüchtigen Heftchenmachern und fixen Plattenfirmen Anschlußerfolge in Millionenauflage.

Ohne Hilfe dieses mächtigsten Mediums in der Bundesrepublik fechten Buchhändler, Arbeitskreise, Bibliotheken einen geduldigen und schwierigen Kampf aus, um Gunst, Verständnis und Aufmerksamkeit junger Leser zu gewinnen. Mitstreiter im ungleichen Wettbewerb um diese Lesergunst der Jüngsten sind einige Städte geworden, die sich mit Kinder- und Jugendbuchwochen um die Information ihrer jungen Leser bemühen, die durch früh trainierten kritischen Umgang mit Büchern später einmal nicht zu den Käufern der jährlich 340 Millionen abgesetzten Heftchen-Romane sentimental-schäbiger Prägung gehören sollen.

In München, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Duisburg haben solche Initiativen schon Tradition. Im schönen Oldenburg, ländliches Gepräge, ist der Versuch ausgestattet mit Schwung und Witz engagierter Anfänger, die voller Ideen stecken. Die nunmehr dritte herbstliche Kinder- und Jugendbuchmesse, in Oldenburg einfach Kibum abgekürzt, ist noch erfolgreicher als die der beiden Vorjahre.

Hauptziel: Bücher und Leser zusammenzubringen, Diskussion herzustellen, Gespräche über Bücher herauszuholen aus Fachzirkeln und öffentlich zu machen, Literaturbarrieren vorsichtig abzumontieren. Man zeigte Kindern und Jugendlichen, daß es außer Enid Blyton und Phantom, Jerry Cotton und Sylvia, außer Vulgär-Romantik und Kinnhaken-Geschichten lesenswerte Bücher gibt.

Da gab es keine zirzensischen Feste, keine Cocktailpartys von Verlegern, keine Dichter zum Anfassen. Aus dem herbstlichen Büchermarkt wurde keine Verkaufskirmes gemacht, keine literarisch aufgeputzte städtische Public-Relations-Show. Vielleicht liegt es an dieser ausdrücklich nicht kommerziellen Initiative der Veranstalter, daß gewisse Oldenburger Buchhändler-Dynastien die „KIBUM“ ignorierten, daß einige etablierte Verlage sich mehrmals bitten ließen, ehe sie ihre Herbstproduktion ’77 für die umfassende Ausstellung schickten.

Die Stadtväter haben sich ihre Bücherwoche runde 35 000 Mark kosten lassen. Allein 10 000 Mark davon wurden als „Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis“ gestiftet. Bei nur 135 000 Einwohnern und einem vergleichsweise schmalen Kulturetat ist das eine phantastische Summe – Hamburg (fast zwei Millionen Einwohner) gab für seinen Literatursommer mit clownesker Kulturpropaganda gerade 50 000 Mark dran; die Sparsamkeit für Kultur muß da Tradition haben.