Von Eckart Kleßmann

Wie die Liebe, so muß auch der Haß nicht blind machen. Chateaubriand hatte unter Napoleon zu leiden und empfand keine Sympathie für ihn, aber er formulierte gegen Ende seines Lebens zwei Sätze von ungewöhnlicher Einsicht: „Bonaparte ist nicht mehr der wahre Bonaparte; das ist eine legendäre Figur, zusammengesetzt aus den Schrullen des Poeten, den Beschreibungen des Soldaten und den Erzählungen des Volkes.“ Und in brillanter Kürze: „Lebend hat er die Welt verfehlt. Tot besitzt er sie.“

Und wie er sie besitzt: Um 1937 schätzte man die Schriften über Napoleon und seine Zeit auf mehr als zweihunderttausend Titel; heute, vierzig Jahre später, wird diese Zahl – allerdings einschließlich der Zeitschriftenpublikationen – wohl das Doppelte betragen. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und verschiedener Diktaturen hat die Beschäftigung mit Napoleon wieder belebt. Dieser neuen Auseinandersetzung verdanken wir ein Buch, dem in der Fülle einschlägiger Literatur ein besonderer Platz zukommt:

Jacques Presser: „Napoleon. Das Leben und die Legende“; aus dem Niederländischen von Christian Zinsser; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1977; 608 S., 20 S. Bildtext, 42,– DM.

Der niederländische Historiker Presser (1899–1970) hat sich einen Namen gemacht mit der 1965 in zwei Bänden erschienenen Darstellung der Verfolgung und Vernichtung der holländischen Juden während des letzten Krieges: „Ondergang“. Der Jude Presser hat überlebt, seine jüdische Frau wurde 1943 in einem polnischen Vernichtungslager umgebracht. Sein Napoleon-Buch hat Presser schon 1937 begonnen, es erschien 1946 in Holland und liegt erst jetzt, nach 31 Jahren, auch in deutscher Sprache vor. Dennoch kommt es nicht zu spät.

Wer sich 1937 anschickte, ein Buch über Napoleon zu schreiben, konnte dies nicht tun, ohne das Wirken der zeitgenössischen Diktatoren unausgesetzt im Blick zu haben. Darum hat Presser nicht zufällig keine reine Biographie geschrieben. Sein Buch ist vielmehr eine kritische Auseinandersetzung mit der Legendenbildung um einen der mächtigsten Diktatoren und die Analyse einer Diktatur, ihres Funktionierens und ihrer Propaganda – vor allem dieser. Pressers Anatomie einer geradezu ins Gigantische wuchernden Legendenbildung möchte eben diesen Satz Chateaubriands ergründen: „Lebend hat er die Welt verfehlt. Tot besitzt er sie.“ Wie war dies möglich?

Presser hatte einen deutschen Vorläufer, Werner Hegemann, der 1927 eine vernichtende Abrechnung veröffentlichte: „Napoleon oder ‚Kniefall vor dem Heros‘ “. Der 740 Seiten starke Band, das Werk eines hochbegabten Amateurs (Hegemann war Architekt), erschien zu unrechter Zeit. Damals sehnten sich allzu viele nach dem „starken Mann“, Heroenstürze waren unbeliebt, und Hegemanns Bücher wurden 1933 verbrannt.