ZDF, Mittwoch, 16. November, 19.30 Uhr: "Heinrich Zille – Bilder aus seinem Leben" von Rainer Wolffhardt (Regie) und Detlef Müller (Buch).

Zeichnen könne er freiberuflich oder als Angestellter; wenn er freilich an eine freiberufliche Tätigkeit denke, solle er lieber gleich zum Strick greifen. So warnt der Maler Theodor Hosemann den dreizehnjährigen Heinrich Zille, der mit seinem ersten selbstverdienten Taschengeld Zeichenunterricht nimmt. Kurz vor der Pensionierung – als Angestellter des Druckereiunternehmens "Photographische Gesellschaft" nach 27 Jahren entlassen – muß der fast sechzigjährige Zille dann doch noch freiberuflich seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Nicht das Werk von Zille steht im Vordergrund dieses Fernsehfilms, sondern Positionen, Kämpfe, Entwicklungen, die in der Konfrontation einzelner Stationen eines Lebensweges deutlich werden: Heinrich Zille (1858–1929), mit liebevoller Detailtreue gespielt von Martin Held, als populärer Kristallisationspunkt immer noch aktueller Probleme.

Der Künstler, zum Beispiel, der sein handwerkliches Geschick gegen seine künstlerische Oberzeugung ("Der Zeichner soll die Natur nicht verbessern") zum Broterwerb verkauft an einen Betrieb, der reaktionäre Trivialitäten multipliziert. Verkaufsschlager der "Photographischen Anstalt" ist ein martialisches Schlachtgemälde mit ausgespartem Oval zwecks Einklebens eines Rekrutenphotos. Oder: "Ausgewogene" Berichterstattung 1918. Ein Zeitungsverleger kontert Zilles Proletgestalten mit einer "Szene aus dem eleganten Leben". Oder: Auch wer gegen den Strich zeichnet, ist vor einer glättenden Vermarktung nicht sicher. Bald gibt es Zille-Pralinen und Zille-Schnaps. Und die realen Vorbilder der Zille-Zeichnungen aus dem Hinterhof-"Milljöh" stehen staunend vor der Saaltür eines Zille-Balles, auf dem sich die Schickeria als "Krebs-Else" und "Kohlenträger" kostümiert vergnügt.

"Wer nur das Lustige in meinen Zeichnungen sieht, der hat sie nicht verstanden", protestiert Zille. Der Produktion eines seichten Zille-Films "Die da unten" (1926) stimmt der "Herr Professor" gegen gute Bezahlung zu. Schließlich saß sein Vater einst in Schuldhaft. Wolffhardt und Müller erklären nicht in trockenen Thesen, mobilisieren die Emotionen der Zuschauer, liefern sinnlich nachvollziehbare Motivationen für Kompromißbereitschaft und Existenzangst ebenso wie für Engagement und Widerstandswillen.

Wer mit Zilles Werk nicht vertraut ist, wird es auch nach diesem Film nicht sehr gut kennen. Im Rhythmus von Werbespots eingeblendete Zeichnungen ersetzen nicht den Gang ins Museum. Doch die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen sich auch heute noch Künstler bewegen, werden einsichtig. Wichtiger noch als die Erkenntnis, daß sich die Arbeitsbedingungen vieler freischaffender Künstler (und auch Journalisten) seit den Tagen Zilles nicht grundlegend verändert haben, könnte das Erschrecken darüber sein, wie wenig offensichtlich die Filmemacher an der Hinterhofszenerie des Berlin von 1977 optisch zu retuschieren brauchten, um zur Jahrhundertwende zurückzureisen.

Erschreckend vertraut klingen auch die Angriffe, gegen die Max Liebermann in der Berliner Nationalgalerie Zilles Zeichnungen schützen muß. "Kunst ist Andacht", spricht Buchhalter Pürschel von der "Photographischen Anstalt" und faselt von der edlen Einfalt und der stillen Größe, mit der dem Publikum des Kunstdruck-Massenmediums die Augen verklebt wurden. Der Film von Wolffhardt und Müller setzt Engagement gegen Andacht. Er spart zwar die Begegnung mit Käthe Kollwitz aus, doch macht er neugierig auf die Begegnung oder Wieder-Begegnung mit Zilles Zeichnungen. Etwas Besseres läßt sich nach einem Film über einen Zeichner kaum sagen. Bodo Fründt