Schwerer als so leichtfertiger Umgang mit biographisch-literarischen Fakten wiegt die Tatsache, daß Baumer die literarischen Arbeiten Remarques offenbar nur ungenügend zu kennen scheint. So ist ihm entgangen, daß aus einer 1924 in Hugenbergs „Sport im Bild“ (Untertitel: „Blatt für die elegante Welt“, woraus Baumer „Die elegante Welt“ und eine eigene, nicht existente Zeitschrift konstruiert) erschienenen Skizze, „Das Rennen Vanderveldes“, drei Jahre später der Roman „Station am Horizont“ entsteht, der in sieben Fortsetzungen ebenfalls in dem Hugenberg-Blatt abgedruckt wird (bei Baumer heißt das Opus „Segel am Horizont“; er hat es also nie gesehen, geschweige denn gelesen). Beide Arbeiten handeln von Rennfahrern und Herrenreitern, die sich zwischen der Spielbank von Monte Carlo, italienischen Rennpisten und mondänen Alpenskiorten tummeln. Angelpunkt der Story ist die unglückliche Liebe zwischen Lillian Dunkerque und dem Rennfahrer Clerfayt. Episoden dieser äußerst dürftigen Handlung finden sich, mit einem Schuß „Zauberberg“ angereichert, in Remarques Exilroman „Drei Kameraden“ wieder (der 1938, nicht 1937, wie Baumer angibt, bei Querido erschien).

Anfang der vierziger Jahre, „auf dem Höhepunkt“ (Wagner) seiner Beziehung zu Marlene Dietrich, benutzt Remarque den gleichen Stoff für eine als Filmexposé gedachte Erzählung, „Beyond“, die 1947 von André de Toth für United Artists mit David Niven und Barbara Stanwyk in den Hauptrollen verfilmt wird („The other love“). 1959 erscheint in der Zeitschrift „Kristall“ Remarques Fortsetzungsroman „Geborgtes Leben“, worin wiederum der Rennfahrer Clerfayt und die mittlerweile lungenkranke Lillian Dunkerque samt allen Nebenfiguren in absolut gleicher Szenerie auftauchen. Im selben Jahr verwendet Remarque Teile daraus für den Dialog zu dem von Stanley Kramer für United Artists gedrehten Rennfahrer-Film „On the beach“ („Das letzte Ufer“), und 1961 erscheint das Ganze schließlich noch einmal unter dem neuen Titel „Der Himmel kennt keine Günstlinge“. Von Stilübungen und mühseligen Schreibversuchen kann also kaum die Rede sein.

Wenn man schon – wie Baum er – für Remarques Gesamtwerk Schriftsteller wie Proust, Rilke, Hesse, Thomas Mann, Bernanos oder gar Kafka zu allerdings sehr gewagten Vergleichen bemühen zu müssen glaubt, sollte man nicht übersehen, daß Remarque vor seinem Welterfolg im Lager der politischen Rechten gestanden hat. Das beginnt mit seiner Tätigkeit für die „Schönheit“, die in jeder Nummer (selbst noch auf dem Einbanddeckel der „Traumbude“) unverhüllt für „Rassenverjüngung“, „Rassenhygiene“, „ein verjüngtes Geschlecht edler Rassemenschen aus arischem Geblüt und mit arischen Instinkten“ sowie generell für das „Vorrecht der arischen Menschheit zur vermehrten Auswirkung ihrer Zeugungskraft“ eintrat; es setzt sich fort in Remarques Schwärmerei vom „Märchen und Wunder, das jedem echten Deutschen, ich meine keinen verjudeten oder slawischen, im Blut sitzt“ („Die Traumbude“); und das zieht sich schließlich wie ein roter Faden durch alle journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten, die er bis zuletzt für die Hugenberg-Presse („Sport im Bild“, „Scherls Magazin“, „Berliner Lokalanzeiger“, „Der Montag“) verfaßte. Während die Fahnen von „Im Westen nichts Neues“ (das er übrigens erst Hugenbergs Scherl-Verlag zur Veröffentlichung anbot) bereits in Druck gingen, las man dort 1928 Remarques Lobeshymnen über die „Berechtigung des prachtvoll ruhigen Offiziers“ Ernst Jünger, das „verbissene Heldentum des Soldaten“ zu beschreiben, und erfuhr seine Bewunderung für Franz Schauweckers „positive Didaktik des neuen Menschentyps, der 1918 im Grabensoldaten fest geprägt war“. Noch 1930, im Jahr des alarmierenden Wahlsieges der NSDAP, gab dieser Autor, „dessen politische Wachsamkeit“ nach Meinung Franz Baumers „ebenso ausgeprägt war wie sein Solidaritätsgefühl mit den Verfolgten“, in einem Interview mit „Nouvelles Littéraires“ an: „Ich habe nicht die geringste Meinung über Hitler“!

Nein, so schlichten Gemütes und alle hier auftauchenden Widersprüche zukleisternd läßt sich der „Fall“ Remarque nicht erhellen. Die notwendige, nach wie vor ungeschriebene Remarcue-Biographie wird all dies aufzugreifen und gerade im Blick auf die – zwiespältige – Aufnahme von „Im Westen nichts Neues“ aufzuarbeiten haben.