Von Siegfried Lenz

Einleitungsworte zu Nossacks öffentlicher Lesung im Hamburger Patriotischen Gebäude an seinem 75. Geburtstag 1976

Von nobler, von hanseatischer Kargheit ist die mir vorliegende Zeittafel, auf der die bemerkenswerten Daten im Leben des Schriftstellers Hans Erich Nossack addiert sind: geboren in Hamburg, Gymnasium, Studium in Jena, danach verschiedene Berufe, verschiedene: – die Zeit des Aufbruchs, des Schwankens gerinnt zu ganzen vier Zeilen. Der Heirat 1925 – also vor einundfünfzig Jahren – gönnt erlernter Sparsinn nur eine halbe Zeile. Ein einziges Wort gar steht für das Schicksal eines deutschen Schriftstellers durch zwölf Jahre: Publikationsverbot 1933–1945. Und die Mitteilsamkeit wächst keineswegs mit der Zahl der Jahresringe: eine gute Zeile traut sich zu, genug über den Verlust aller Manuskripte zu sagen, die bei der Zerstörung Hamburgs verbrannten. Vier stereotype Halbzeilen melden vier Übersiedlungen Nossacks innerhalb Deutschlands, als handele es sich um vier Haarschnitte, und die Namen der Literaturpreise muten an wie Hurenkinder –, so nennt man in der Drucktechnik überhängende Zeilen. Glücklicherweise beanspruchen Nossacks Buchtitel üppige sechzehn Zeilen, so daß die Zeittafel dieses langen und bewegten Lebens immerhin auf eine Seite und fünf Zeilen ausgeweitet werden konnte, – wenn auch sehr luftig gedruckt. Ein Meisterwerk der Abbreviation.

Nossack: der ist kein Liebhaber der Redseligkeit, kein Regenmacher, der uns unter eine Sturzflut barocker Bilder stößt. Sein Realitätsverhältnis ist von mutiger Nüchternheit, seine Darstellung von protokollhafter Kargheit, sachlich bis zur Ausgeglühtheit ist seine Stillage: hier ist jeder Satz schon Extrakt. Es wundert mich nicht, daß die bevorzugte literarische Äußerungsform dieses Autors Chronik und Bericht sind, Interview und Protokoll, – also die Form der scheinbaren Unerregtheit. Distanziert, abgekühlt, auf mittlere Ferne gebracht, gewinnen so die Ereignisse modellhaften Charakter und erscheinen als übertragbar. Was Nossacks episches Personal, was seine Kaufleute, Chemiker und Nachtportiers, was seine Lehrer, Schriftsteller und Juristen zu bekennen und zu erzählen haben: es gleicht oft gelassenen Expeditionsberichten. Doch täuschen wir uns nicht: die Bevorzugung von Bericht und Protokoll ist hier auch eine Tarnung. Die Formen der Unerregtheit dienen Nossack dazu, sich der Erfahrungen zu erwehren, denen er nicht ausweichen kann. Als zeitgemäßer Schriftsteller wählt er Chronik und episches Kardiogramm, um seinen Widerspruch zur Zeit nur um so reiner und schärfer zu begründen, ohne die Ablenkung deskriptiver Schwelgerei.

Denn dies ist klar: Nossack, dieser unbeirrbare Einzelgänger unserer Gegenwartsliteratur, er erfährt die Welt keineswegs als nüchterner Dokumentarist. Zu seinen Erfahrungsquellen gehören Mythos und Märchen ebenso wie bedrängende Phantasie, Traum und Vision. Der unerregte Protokollant hat sich ausdrücklich als Verteidiger des Traums geäußert, als er erklärte, daß das, "was sich nicht träumen läßt, keine Wirklichkeit hat." Es zeigt sich, daß die sogenannte Nossacksche Nüchternheit ein Stilmittel ist – am ehesten dazu geeignet, dem phantastischen Entwurf Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ich meine, darin folgt Nossack einer klassischen Erfahrungsregel des Schreibens: je unglaublicher der mitzuteilende Stoff, desto präziser und karger der Ausdruck. Nur mit Hilfe dieser Dialektik findet Annäherung an Wahrheit statt, wird befremdliche Wahrheit vorstellbar. Wie das gemeistert werden kann – Nossacks Werk bietet uns die Beispiele dafür an.

Der epische Experte für Katastrophen macht das Unglaubliche denkbar, indem er es minuziös von den Rändern her beschreibt, von den Ausläufern; Reaktionen, mit grandioser Genauigkeit erforscht, geben der düsteren Vision Lebensfähigkeit. Dem klarsichtigen Träumer erschließt sich der Mythos im Alltag; ein Engel in München, Orest in Hamburg – die präzisen Folgen ihres Erscheinens zwingen uns, ihre Existenz anzuerkennen. Der Berichterstatter des Untergangs zeigt sich dem Ereignis gewachsen, indem er exemplarische Heimsuchung durch die Unerbittlichkeit alltäglicher Sätze darstellt; die Spannung wird in uns selbst verlegt, wir erfahren den Untergang zweifach: als reales Geschehen und als Modell. Der Chronist unserer Täuschungen legt die Rollenzwänge bloß, denen jeder glaubt genügen zu müssen: je sachlicher dies geschieht, desto verblüffter entdecken wir den Verlast an eigener Wirklichkeit, der durch die eingebildete Verpflichtung zur Rolle entstanden ist.

Dieser Schriftsteller, Hans Erich Nossack, ist kein Rühmer des Hiesigen, kein "Bewisperer" des Kollektivs, kein Mann, der die lyrische oder philosophische Hausapotheke versorgt. Was er betreibt, ist mir persönlich immer vorgekommen als eine Art Archäologie des Gewissens. Auf kein Dogma festgelegt, den Institutionen nicht geneigt, mißtrauisch gegenüber allen Ideologien, erfragt er in einer Zwiesprache mit sich selbst die niederschmetternde Wahrheit des einzelnen. Es paßt dazu, daß Nossack die schriftstellerische Existenz eine Partisanenexistenz genannt hat; – Partisan, der auf keine Parteidisziplin eingeschworen ist, sondern der seine Stimme überall da erhebt, wo er eine gefährliche Dummheit oder Vergewaltigung des Menschen wahrnimmt, – so hat Nossack mir einmal wörtlich geantwortet. Partisan, das heißt auch: keine strahlende, trompetenhafte Aktion, sondern Handeln aus der Defensive. Aus dem Versteck. Aus der Tarnung. Nossack hat sich selbst einmal den bestgetarnten Schriftsteller genannt, das läßt wohl annehmen, wie groß sein Bedürfnis nach Selbstschutz war. Wer sich wie er als überlebender einer Katastrophe empfindet, fragt sich unwillkürlich, was von ihm verlangt wird, wofür er geschont wurde. Die Erfahrung des Nichts legt zumindest einen Rollenwechsel nahe, und wenn dies nicht gelingt, gibt es keine andere Wahl als mit dieser Erfahrung zu leben: alle Sicherheit ist trügerisch, in einem einzigen Augenblick kann zerstört werden, was uns anscheinend trägt, das Unversicherbare ist der Zustand, der uns zutiefst entspricht. "Grenzüberschreitung" nennt Nossack dieses existentielle Erlebnis – ein ergiebiger Schlüsselbegriff für sein Leben und für sein Werk.