Im Paris Match dem Pariser Wochenmagazin, hat der Korrespondent des Spiegel, Helmut Sorge, einen "Offenen Brief" schreiben dürfen, den "Brief eines deutschen Journalisten an seine französischen Kollegen". So etwas kommt nicht häufig vor, und unser Landsmann hat denn auch leidenschaftlich vom Leder gezogen gegen die Neigung journalistischer "Linksintellektueller", das Bild der Bundesrepublik Deutschland zu trüben und zu schwärzen. Er zitiert den Nouvel Observateur, jhne ihn zu nennen, der fürwahr sehr schlecht über die westdeutschen Verhältnisse informiert ist, wie es sich denn überhaupt schädlich bemerkbar macht, daß viel weniger französische Journalisten in Deutschland arbeiten als deutsche Journalisten in Frankreich. Allen ist aufgefallen, daß der im übrigen verdienstvolle Chefredakteur des "Nouvel Obs" die Selbstmorde von Stammheim folgendermaßen schreibt: "Selbstmorde."

Helmut Sorge zitiert kritisch und erzürnt aber auch den Monde, dieses große liberale Blatt, das – worauf in der ZEIT schon hingewiesen wurde – einerseits allerlei Leute gegen uns hat wüten lassen, weil sie unsere Terroristen lieber haben als unsere Brandt und Schmidt oder Kohl und Strauß, andererseits aber Alfred Grosser zum Mitarbeiter hat.

Dürfen wir zur Briefattacke sagen: "Es ist nicht falsch, mein Freund! Nur feste druff"? Wobei wir allerdings in Kauf nehmen müssen, daß den Franzosen die deutsche Lust, anderen gründlich "Bescheid zu sagen", leicht auf die Nerven fällt. So wollen wir um so deutlicher auf einen Artikel hinweisen, der angerechnet im Monde zu lesen war und aus der Feder des prominenten Redaktionsmitglieds André Fontaine stammt.

Die gegenwärtigen Schwierigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich gehen – so meint Fontaine – nicht auf die Regierungen, sondern auf die Meinungen zurück. Zwischen Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt läuft alles sehr gut, stellt er fest. Aber er fragt sich auch, wie die Deutschen dächten, wenn das Unternehmen der Geiselbefreiung mißglückt wäre, und antwortet: "Die große Mehrheit der Deutschen stünde heute auf der Seite der großen Mehrheit der Franzosen, bei allgemeiner Kritik am Kanzler Schmidt, dessen Tage an der Macht gezählt wären." Er meint auch: "Der Tod von Baader, Gudrun Ensslin und Raspe war nicht unvermeidlich."

Fontaine unterscheidet gut: Die Deutschen – sagt er – zweifeln nicht am Selbstmord der Terroristen. Die Franzosen aber haben einen natürlichen Reflex, alles in Zweifel zu ziehen, was die Regierungen erzählen, angefangen bei der eigenen. Wörtlich: "Die Deutschen mögen doch nicht als eine Bekundung von Anti-Germanismus eine Reaktion beurteilen, die vielleicht falsch ist, jedoch spontan aus den Herzen eines alten Volkes kommt, dem man zuviel vorerzählt hat."

Zurück zum "Nouvel Obs".

Nicht einen, faschistischen Staat fürchtet Günter Wallraff, der diesem Wochenmagazin ein Interview gab – jener deutsche Journalist, der, indem er sich einschleicht in Welten, die er beschreiben will, aus dem bösen Satz: "Der Zweck heiligt die Mittel" seine Moral hat: "Wir gehen auf einen Polizeistaat zu", sagt Wallraff.