Von Dietrich Strothmann

Tübingen, im November

Es war der Reformationstag, der Tag, an dem der rebellische Doktor der Theologie, Martin Luther, vor 470 Jahren an die Marktkirche zu Wittenberg seine berühmten Thesen schlug. Damals nahm die Geschichte eine neue Wendung. An diesem Reformationstag kündigte der weltweit geachtete und streitbare Tübinger Professor der Theologie (Neues Testament), Ernst Käsemann, seinen Austritt aus der württembergischen Kirche an. Niemand, so bat er seine Anhänger und Schüler in einer dreiseitigen Rechtfertigungserklärung, solle es ihm gleichtun; dennoch ist nicht abzusehen, welche Wellen dieser ungewöhnliche, in der Geschichte der evangelischen Kirche einmalige Abfall auslösen wird. Auch er wird, auf seine Weise, Geschichte machen.

Was verwundert: Innere Erregung, die Qual seines Entschlusses, spiegelt sich nicht im Gesicht des 71jährigen Theologen. Auch in seiner Sprache ist keine Spur von nachtragendem Eifer ocer ungestillter Erbitterung. So schwer es ihm wurde, ihm noch immer sein muß – er hat sich in der Gewalt. Es ist, an diesem sonnigen Spätherbstvormittag in seinem Tübinger Studierzimmer, fast wie eine Unterhaltung über einen Dritten.

Schon vor Ernst Käsemann, der sich selber einen „Freibeuter“ in der Kirche, einen Partisanen im gehüteten, volkskirchlichen Protestantismus nennt, war es Hans Küng, ein ebenso namhafter katholischer Theologe und gleichfalls im leidvollen Konflikt mit der Kirche, der ungewollt die Begründung für den radikalen Entschluß des protestantischen Professors lieferte. Zur 500-Jahr-Feier der Tübinger Universität (ihr Leitspruch lautet „Attempto“ – ich wag’s) berichtete er aus der Geschichte: „Man berief sich auf Gott und bekämpfte die Wissenschaft. Nach den freieren Zeiten des Humanismus ging mit Berufung auf die Autorität Gottes nicht nur die Kirche, sondern auch der Staat, ging nicht nur Rom, sondern auch das lutherische Württemberg – protestantisches Spanien geheißen – gegen Wissenschaftler vor. Hier wie dort die Unterdrückung abweichender Meinungen. Ein zweites war längst hinzugekommen: Man berief sich auf Gott und bekämpfte die Demokratie. Politische und religiös-konfessionelle Bevormundung entsprechen sich.“ Da hatte einer, ohne es zu wissen, dem anderen aus der Seele gesprochen.

Auch Ernst Käsemann argwöhnt, die Kirche liefere den Politikern die Knüppel; sie sei inzwischen ein getreues Spiegelbild der wohlstandssatten, selbstgerechten, leidunempfindlichen Gesellschaft, betreibe das Geschäft der Angst (vor einer aufbegehrenden Jugend, die nicht schuldig werden wolle wie ihre Väter), schüre die blinde, billige Furcht (vor allem, was sich Marxismus oder auch nur Sozialismus nenne); vor allem aber, in ihrer spezifisch pietistischen Sektenseligkeit („auch im Himmel ein Häusle bauen zu wollen“), dulde die württembergische Kirche, außer ihrer viel kritisierten, unterdurchschnittlichen Bürgerlichkeit, keine Abweichungen von ihrem rechtslastigen, rechten Glauben. Er sei für sie schon immer ein Ketzer gewesen.

Des emeritierten Professors schroffe, schonungslose und daher sicher auch gelegentlich ungerechtfertigt einseitige Absage an die vom Pietismus geprägte Kirche und die von ihm beherrschte Synode hat ihre lange, besondere Geschichte. Der Anlaß indessen für seinen angedrohten Austritt, zusammen mit seiner Frau, bot ein vergleichsweise unbedeutender, freilich unbedacht provozierter Vorgang: die rüde Streichung von knapp 10 000 Mark durch die konservative Synodenmehrheit für die Evangelische Studentengemeinde Tübingens.