Ludwigshafen

Bis vor kurzem dürfte der spanische Maler Joan Miró den meisten Bürgern der Chemiestadt Ludwigshafen ziemlich gleichgültig, wenn nicht sogar völlig unbekannt gewesen sein. Binnen weniger Tage ist er jedoch zum kommunalen Streitfall geworden. Es geht um die Frage: Soll die Stadt über eine Million Mark ausgeben, um künftig in Kunstreiseführern ein Sternchen mehr zu bekommen und zwar für die „größte Miro-Wand der Welt“, die in erster Linie eine architektonische Sünde kaschieren soll?

Der Streit um die Miró-Mauer hat eine Vorgeschiche, die erst verständlich werden läßt, warum die Bürger so allergisch auf Kunst von draußen reagieren. Aus heiterem Himmel traf im Sommer 1969 ein Angebot des Kölner Privatsammlers Wilhelm Hack im Rathaus der Stadt ein: Er wolle seine gesamte Kollektion im geschätzten Wert von mehr als zwanzig Millionen Mark verschenken, um „in einer kunst- und geschichtslosen Stadt“ ein Zeichen zu setzen. Einzige Bedingung: Man müsse ihm ein Museum bauen.

Die Hacksche Sammlung ist eine der wertvollsten und international bedeutendsten deutschen Privatsammlungen, sie enthält Kunst aus der spätrömisch-fränkischen Zeit bis ins 20. Jahrhundert. Viele der neueren Werke stammen aus Rußland, vor und nach der Revolution entstanden, und aus der holländischen „de-Stijl-Bewegung“. Bilder von Mondrian und Malewitsch, Klee und Kirchner, Schwitters und Max Ernst sind auch dabei.

„Er will sich auf unsere Kosten ein Denkmal setzen“, hieß es in der Bevölkerung voreilig, und die Ablehnung gegen ein „Mausoleum“ war groß, nicht zuletzt deshalb, weil ein Galerieneubau eine Menge Parkplätze auf dem letzten freien Platz der City gefährdete. Der Stadtrat entschied trotz allem, die noble Gabe anzunehmen, zumal bekannt wurde, auch Köln und Düsseldorf seien interessiert. Stadt und Land teilten sich die Kosten für den Galeriebau, das letzte Drittel sollte durch Spenden aufgebracht werden. Doch die flossen spärlich. Schließlich sprang die Großindustrie ein. Allein die BASF überreichte für den künftigen Musentempel eine Million Mark. Ludwigshafen sollte sein Museum bekommen, das ihm das begehrte Sternchen sichern muß.

Ein Stuttgarter Architekten-Team entwarf für Deutschlands jüngstes Museum einen Palast aus Glas und Beton, der die Herzen der Ludwigshafener für die geschenkte Kunst noch immer nicht so recht erwärmen konnte. Als vor wenigen Wochen der Bauzaun fiel, erschraken die Bauherren wie damals die Bürger von Schilda. Sie standen vor einem Monstrum von Betonwand, fensterlos, zehn Meter hoch und nicht weniger als 55 Meter lang. 550 Quadratmeter kalter Häßlichkeit.

Wieder war Wilhelm Hack zur Stelle. Er erinnerte sich seiner guten Beziehungen zu dem Spanier Joan Miró, der solche Wände schon andernorts gestaltet hat, wenngleich nicht in solchen Ausmaßen. Aber mehr als 135 000 Mark hatten die Stadtväter für die Fassadenverschönerung nicht mehr im Säckel, nachdem sie schon über zehn Millionen in Beton gießen ließen. Doch der renommierte Kunstsammler erklärte der staunenden und skeptischen Öffentlichkeit, dieser Miró sei ja unendlich reich, so daß es ihm auf Einkünfte aus diesem einmaligen Projekt nicht ankommen könne.