Von Klaus Harpprecht

Im Telephonregister von Manhattan findet sich zweiundachtzigmal – zwischen dem Psychiater A. und dem Rabbiner Yehuda – der Name Kagan. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Bürger jemals von Zweifeln an der Solidität ihres jüdischen Erbes angefochten wurden. In Arthur Koestlers Studie

"Der dreizehnte Stamm"; Verlag Fritz Molden, Wien 1977; 297 S., 29,80 DM

begegnen sie freilich der schockierenden These, daß sich ihre Herkunft mit großer Wahrscheinlichkeit von den Herrschern des turkmenischen Khasaren-Stammes herleitet, die den Titel "Kagan" führten.

Indessen haben nicht nur die "Kagans" Anlaß, erstaunt und womöglich beunruhigt zu sein, denn Koestler holte in seiner Untersuchung zu dem Nachweis aus, daß die Mehrheit der europäischen und damit auch der amerikanischen Juden – der Aschkenasim – von dem Turkvolk der Khasaren abstamme, das an der Schwelle des frühen Mittelalters die Steppen Südrußlands besetzt hielt. Den Experten war es nicht unbekannt, daß sich die Regenten der Khasaren in der Mitte des 8. Jahrhunderts entschlossen, den jüdischen Glauben anzunehmen. Man nahm diese Merkwürdigkeit freilich eher beiläufig zur Kenntnis: als habe die Geschichte in der verschwebend undeutlichen Ferne der euro-asiatischen Weiten sich eine ihrer Abnormitäten geleistet, die am Ende beziehungslos im Vergessenen versank. Niemand schien daran interessiert zu sein, das etablierte Bild von der Entstehung des europäischen Judentums zu erschüttern – weder die Juden selber noch ihre antisemitischen Gegner.

Man betrachtete die Khasaren nicht als "echte" Juden. Ihre Existenz widersprach dem Verzicht der Kinder Israels auf missionarischen Eifer und Seelenfängerei (eine Entsagung, die allerdings in den Wirren der späten Antike außer Kraft gesetzt war, denn im weitesten Umkreis des römischen Imperiums und der hellenistischen Kultur schossen jüdische Gemeinden wie Pilze aus dem Boden, oft genug mit urchristlichen Gründungen konkurrierend).

Der Konversion der Khasaren haftete überdies ein leiser Geruch der Peinlichkeit an: Sie war, wie Koestler mit exemplarischer Logik belegt, keineswegs ein Akt göttlicher Offenbarung oder innig erflehter Erleuchtung, sondern das Produkt politischer Strategie und diplomatischer Schlauheit. Das Khasarenreich, im Raum zwischen Kaukasus und dem heutigen Bulgarien angesiedelt, wurde von Byzanz und von Bagdad, den Großmächten jener Epoche, bedroht und zugleich mit Bündnisangeboten umschwärmt. Die Khasaren zogen es vor, eine strikte Unabhängigkeit zu behaupten. Zugleich begriffen sie, daß die zivilisatorischen Energien ihrer Widersacher mit der religiösen Überlegenheit des Monotheismus zu schaffen habe. So beschlossen sie, nach einer Disputation von gelehrten christlichen, mohammedanischen und mosaischen Bekennern, sich die Grundreligion anzueignen – die jüdische.