Von Horst Kerlikowsky

Matthias Seefelder, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen, drückt es nach Art der Branche vornehm aus: Er spricht von einem "sehr harten Wettbewerb" bei Kunststoffen und kommentiert mit Understatement: "Allerdings ist inzwischen ein sehr kritisches Mißverhältnis von Kapazität und Bedarf entstanden." Günter Metz, Spartenleiter Kunststoffe beim Konkurrenten Hoechst AG, sagt es drastischer: "Die Entwicklung bei Massenkunststoffen ist der bei Fasern vergleichbar." Und die ist verheerend.

Die meisten seiner Kollegen bei den anderen großen Chemiekonzernen in Europa sehen es ähnlich – nur sprechen sie es nicht so deutlich aus; denn sie alle haben Angst, mit Feststellungen über nicht ausgenutzte Kapazitäten bei den sogenannten Massenkunststoffen, über Preisverfall und Verdrängungswettbewerb eine Entwicklung zu beschleunigen, die sie in der Fasersparte jahrelang beobachten konnten: die totale Krise, die zu Milliardenverlusten führt und Betriebsstillegungen nötig macht. Die Faserkrise ist Jahre alt, bei Massenkunststoffen hat sie erst begonnen.

Und das hat kaum einer der Chemiepropheten erwartet. Sie hatten schließlich das 20. Jahrhundert das Zeitalter der Kunststoffe genannt – und sie schienen recht zu behalten: Die Produktion der Massenkunststoffe, die Anfang der dreißiger Jahre mit der Herstellung von Polyvinylchlorid (PVC) begann, brachte bald den Erfolg, den zuvor die sogenannten Kondensationskunststoffe, von denen das Bakelit das bekannteste war, versprochen hatten.

Die Vorzüge des neuen Materials – es war billig, gut formbar, leicht und elektrisch kaum leitfähig – erschlossen ihm immer neue Anwendungsgebiete. Steckdosen, Isolierungen für elektrische Leitungen – das waren die ersten großen industriellen Anwendungen. Inzwischen gibt es kaum noch einen Bereich, in dem keine Kunststoffe zu finden sind: Häuser werden damit isoliert, Möbel mit ihm beschichtet, Kühlschränke werden daraus ebenso gespritzt wie andere Haushaltsgeräte, vom Elektroquirl bis zur Kaffeemaschine. Auch für die Autoproduktion wird der Kunststoff – schon wegen der Gewichtsersparnis – immer wichtiger: Armaturenbretter, Sitze, Tanks und selbst Kühlergrills und Stoßstangen sind nur wenige Beispiele; fünfzig bis siebzig Kilogramm Kunststoff werden gegenwärtig in jedem Auto verbaut.

Und jedes Jahr werden neue Anwendungsmöglichkeiten entdeckt und wirtschaftlich verwertet. Vor einiger Zeit waren es die Bierkästen, bei denen Kunststoff so rasch und unaufhaltsam vordrang, daß alte Holzkästen jetzt schon als Rarität gehandelt werden. Heute lösen diese Chemieprodukte im Hausbau Fensterrahmen aus Holz oder Aluminium ab, ermöglichen integrierte Schaltungen in Computern oder schützen empfindliche Teile in Weltraumkapseln. So stieg der Anteil der Kunststoffe am Umsatz der chemischen Industrie – der größten deutschen Branche – 1976 mit über dreizehn Milliarden Mark auf knapp sechzehn Prozent.

Der Siegeszug schien nicht nur Zukunftsgläubigen unaufhaltsam. Jährliche Wachstumsraten von sechzehn Prozent über zwei Jahrzehnte, also eine Verdoppelung des Absatzes alle fünf Jahre, schienen die Prognose zu rechtfertigen, daß bereits 1985 volumenmäßig mehr Kunststoff als Stahl produziert werden würde.