Wenn Kleinkariertes Vorrang hat – Die Einsichten eines belehrbaren Fernseh-Chefs

Von Heinz Werner Hübner

Am 1. August 1977, einem Montag, betrat ich gegen neun Uhr mein mit Leinmöbeln ausgestattetes Büro. Mein Vorgänger hatte seinen Schreibtisch und den dazugehörigen Sessel nicht nur geräumt, er hatte beides mitgenommen, gekauft, günstig und aus Sentimentalität, wie er mir sagte. Wenn ich schon nicht die Möbel übernahm, so doch ein Erbe, mit dem ich nach und nach bekannt gemacht wurde. Es ging zu wie in einer Fernsehserie im Nachmittagsprogramm: Meist lief es wie erwartet, manches überraschte, erstaunte auch, etliches verblüffte und ein paarmal wäre jeder andere ohne Fernseherfahrung auch geschockt gewesen. Doch zunächst traf ich auf eine Woge von Wohlwollen, als sie zurückrollte, wurden die Klippen der Skepsis sichtbar, und in der Ferne ließen sich unter der sanftbewegten Oberfläche die Untiefen ahnen.

Für den Anfang schien alles einfach: Auf mich wartete ein Auftrag. Aus vier Programmbereichen waren drei geworden und mir war überlassen, die "organisatorische Feinstruktur" zu vollenden, das hieß, knapp dreißig Redakteure waren in bestehende oder in neu zu bildende Redaktionen einzuordnen.

Der zweite Auftrag war selbstgestellt: Eine neue Programmstruktur für das Dritte Programm des WDR vom 1. Januar 1978 an, denn zu diesem Zeitpunkt ändern ARD und ZDF ihre Programme, zum Teil wesentlich. Ich will nicht zu hoch greifen, doch um verständlich zu bleiben, und weil ich eine Neigung zur Historie habe: So etwa muß es 1918 gewesen sein, die Habsburger Monarchie war aufgelöst, die Reste waren neu zu ordnen. Da gab es Ansprüche und Expansionsgelüste, umstrittene Zonen und zähes Festhalten am Hergebrachten. Im WDR hieß der aufgelöste Programmbereich: "Kultur" – und viele Engagierte beklagten bitter, daß es im WDR künftig keine Kultur mehr geben solle. In einer Zeitungsanzeige wurde dagegen protestiert, und viele Prominente hatten unterschrieben. Ich indessen erinnerte mich, daß es vor der Bildung des nun aufgelösten Programmbereichs Kultur im WDR auch schon kulturelle Sendungen gegeben hatte, nicht wenige waren auf Festivals erfolgreich gewesen; "Der Dichter und seine Stadt", eine Serie, die Maßstäbe setzte, war damals produziert worden.

Wer kann mit wem?

Vor etwas mehr als fünf Jahren hatte ich den WDR verlassen, als stellvertretender Chefredakteur Fernsehen, um eine ARD-Aufgabe zu übernehmen, nämlich die politischen und kulturellen Sendungen im Gemeinschaftsprogramm zu koordinieren; nicht zuletzt unter dem Aspekt der Aktualität; nun kehrte ich zum WDR zurück und traf im Fernsehen auf etwa so viele Redaktionen, wie ich vorher Redakteure verlassen hatte. Irritierend.