Von Klaus-Peter Schmid

Diese Frau ist gefährlich. "Ihre Zunge ist so spitz wie ihre Feder", schrieb einmal ein französischer Kollege über sie. Dabei ist sie alles andere als eine blaustrümpfige Suffragette. "Wenn mich eines Tages Kleider... nicht mehr interessieren, dann stehe ich mit einem Bein im Grab", notierte sie in ihren Memoiren. Auch diese. Erkenntnis stammt von ihr: "Eines darf man auf keinen Fall: den Männern den Krieg erklären." Mit 61 Jahren (die ihr niemand glaubt) ist ihr jugendlicher Charme entwaffnend. Und was sie besonders gefährlich macht: Ihr Verstand steht ihren Formulierungskünsten in nichts nach.

Die Frau mit den vielen Talenten heißt Francoise Giroud. Sie fing mit 16 Jahren als Scriptgirl an, arbeitete sich bis zur Chefredaktion der Frauenzeitschrift Elle empor und war zuletzt Prinzipalin des Magazins L’Express. Zuletzt, das war im Sommer 1974; damals holte sie Staatspräsident Giscard d’Estaing als Staatssekretärin für Frauenfragen in seine Regierung. Ein zumindest überraschender Schritt, – denn Françoise Giroud hatte vor den Präsidentschaftswahlen erklärt, ihre Stimme gehöre dem Sozialisten Mitterrand. Von Madame, die Ehrgeiz nicht als Untugend betrachtet, stammt allerdings auch der Satz: "Wenn man selbst politische Macht ausüben will, oder einen Teil dieser Macht, dann ist es in der Tat entscheidend, im Lager des Gewinners zu sein."

Gut zweieinhalb Jahre hat es die ehemalige Journalistin in diesem Lager ausgehalten, zuletzt auf dem Posten des Kultusministers. Als sie Minister a. D. wurde, griff sie zur geliebten Feder, um ihrer Lesergemeinde eine Bilanz ihres Gastspiels auf der politischen Bühne zu präsentieren. Der Titel ihres Buches ist eindeutig: Die Macht ist eine einzige Komödie – und eine schlechte dazu.

Françoise Giroud: "La comédie du pouvoir"; Fayard, Paris 1977; 361 S., 45 Francs.

Dieser Titel ist doppelsinnig; denn "pouvoir" bezeichnet nicht nur den abstrakten Begriff der Macht, sondern wird auch oft als Synonym für die amtierende Regierung gebraucht. Womit der Schluß naheliegt, daß Präsident Giscard d’Estaing so etwas wie ein Theaterdirektor und sein Premierminister der oberste Komödiant ist. Auch den Ort der öffentlichen Belustigung präzisiert die Autorin: "Der Saal, in dem jeden Mittwochmorgen der Ministerrat stattfindet, ist eine der bevorzugten Stätten, an denen die Komödie der Macht gespielt wird."

Der Ministerrat! Als Fernsehzuschauer weiß man, daß die Regierung rund um einen ovalen Tisch sitzt, die wichtigsten Minister dem Präsidenten am nächsten; daß sich beim Eintritt Giscards alle ehrfürchtig erheben; daß der Präsident jedem in der Runde die Hand drückt – dann werden die Kameras aus dem Allerheiligsten verbannt. Bis dahin sieht alles bedeutend und keineswegs komisch aus, es bleibt der Eindruck von einem "geheimnisvollen Land, halb Olymp, halb Mafia".