Offensichtlich ist die deutsche Reiselust auch nicht mehr das, was sie einmal war. Die vor einem Jahr eröffnete Autobahn zwischen Paris und der deutschen Grenze registriert jedenfalls nur halb so viel Verkehr wie vorgesehen. Und da die Achse von der Saar zur Seine von einer privaten Gesellschaft betrieben wird, bleibt nur eine Alternative: Entweder werden die Gebühren drastisch erhöht oder der Staat muß zuschießen.

Die Lösung mit den Gebühren ist indes von vornherein unrealistisch. Denn für die rund vierhundert Kilometer zwischen Saarbrücken und Paris zahlt man für einen Mittelklassewagen heute schon umgerechnet 28 Mark; jede Verteuerung würde die Autofahrer auf die kostenlosen Landstraßen vertreiben.

So hat sich das Autobahn-Unternehmen APEL (Société de l’autoroute Paris–Est–Lorraine) zu einem spektakulären Schritt entschlossen: Ein Verwaltungsgericht wurde gebeten, den Konzessionsvertrag mit dem Staat wegen "höherer Gewalt" zu annullieren. Mit anderen Worten: Die Regierung wird freundlich aber dringend ersucht, die Autobahn nach Deutschland zu kaufen.

Ursprünglich hatten die Verkehrsplaner mit 12 000 Autos am Tag gerechnet, doch heute sind es gerade halb so viele. Die großen Bauunternehmen und Banken, die das APEL-Kapital besitzen, kommen folglich nicht auf ihre Kosten. Ausgaben von rund 120 Millionen Mark im ersten Betriebsjahr standen Einnahmen von lediglich 65 Millionen Mark gegenüber. Der Hilferuf an die Regierung war somit nur eine Frage der Zeit.

Die APEL ist allerdings nicht das einzige Autobahnunternehmen, das über leere Kassen klagt. In ähnlichen Schwierigkeiten steckte vor einem Jahr die (ebenfalls private) Gesellschaft AREA, die Autobahnen zwischen Lyon, Grenoble und den Alpen baut und betreut. Auch hier ist der Verkehr teilweise nur halb so intensiv wie erwartet, wobei vor allem Lastwagen gebührenfreie Straßen vorziehen. Die Gebühren sind hier so hoch, daß ein Kilometer genauso teuer kommt wie in der Eisenbahn – erster Klasse wohlgemerkt.

Die Notsignale an die Adresse der Regierung sind genau besehen nichts anderes als ein Fehlschlag der Politik, Autobahnen nicht mehr mit öffentlichen Mitteln zu bauen. 1955 vergab Paris die erste Konzession zum Bau einer Schnellstraße. Die Bauherren beschafften sich ihr Geld am Kapitalmarkt und zahlten es im Lauf der Jahre mit den kassierten Benutzungsgebühren zurück.

Doch das Startkapital kam immer noch aus der Kasse des Finanzministers, und die Konzessionäre waren überwiegend öffentliche Finanzinstitute und interessierte Gemeinden. Erst 19 schrieb man ganze Bauabschnitte öffentlich aus, wobei die privaten Konzessionäre auf "eigene Kosten, Risiken und Gefahren" Bau und Unterhaltung übernahmen. Nur so konnte nach Überzeugung der Regierung der Rückstand im Autobahnbau aufgeholt werden.