Von Alfred Momm

Charly ist fünfzig und Frührentner. Er hat viel Zeit. Die schlägt er tot an der Grünwalder Straße in München, wo die Fußballprofis des TSV 1860 München trainieren. Manchmal ist Charly vormittags und nachmittags bei den Kickern.

An manchen Tagen stehen da über dreihundert Kiebitze mit ihm. Sie kartein und granteln und beurteilen die Lage. Die Lage ist unerfreulich. 1860 München steht ziemlich hoffnungslos am Tabellenende der Bundesliga. Verletzungspech, heißt es immer; sei ein Grund, und Pech überhaupt. Charly läßt das nicht gelten. Charlys Meinung gilt was am Platze. In den fünfziger Jahren hat er selbst gespielt.

"Mir ham früher saufa kenna und trotzdem spuiln kenna und giwunna ham ma erseht recht", sagt er. Allgemein wird die Einkaufspolitik des Präsidenten Dr. Erich Riedl beklagt. Weil der CSU-Bundestagsabgeordnete den hochverschuldeten Verein aus den roten Zahlen bringen wollte, kaufte er nach dem Aufstieg nur billige Spieler ein. Aus Kaiserslautern zum Beispiel Mit-– telstürmer Metzler. "A Tangofußballer, a Würstl", hetzen die Fans. Der brauche angeblich einen Flugplatz, wenn er einen Ball "unter Kontrolle" bringen wolle.

Soviel steht für Charly fest: Der Doktor Riedl, "der Spezi", ist der Hauptschuldige, weil er keine neuen Schulden machen wollte. "Was Akkurates" hätte der kaufen müssen, ist doch nicht sein Geld, das er hortet. Denn: "Mir wären ins Stadion kemma, mir san treu, mir kemma."

Die ersten Niederlagen wurden noch mit Humor getragen. Als die "Löwen", wie München 1860 im Volksmund heißt, nach zehn Spielen erst einen lumpigen Punkt auf ihrem Konto hatten, hieß die Parole: Neuer Trainer wird Luis Trenker. Der sei Spezialist für Abstiegsfragen. Vor dem Lokalderby gegen den FC Bayern München, am 12. November, hatten die "Löwen" ganze drei Punkte aus 14 Spielen erreicht. Schlechter war in den vierzehn Bundesligajahren noch nie eine Mannschaft gewesen.

Aber gegen den FC Bayern wollte man es wissen. Auf die Bayern ist man in München nicht besonders gut zu sprechen. Die 72jährige Luise Grieshammer rief beim Löwen-Präsidenten an und ermunterte ihn: "Wenn ihr die Bayern packts, Stift ich a Kerzen."