Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "Praxis" und die Sommerschule auf der Adria-Insel Kordula waren zehn Jahre lang Brennpunkte einer philosophisch bestimmten, in die Sozialwissenschaften hineinreichenden Diskussion unter Leuten, die überwiegend zwischen den regierenden Kommunisten des Ostens und den regierenden Sozialdemokraten des Westens angesiedelt waren – also einen für linke Intellektuelle nicht ganz ungewohnten Platz zwischen allen Stühlen eingenommen hatten.

Die Bedeutung der Praxisgruppe für die Traditionslinie des westlichen, auf Gramsci, Korsch, den frühen Lukács zurückgehenden, unlängst noch von Bloch verkörperten westlichen Marxismus ist nicht leicht dingfest zu machen. Die Sommerschule auf Kordula bedeutete eher eine Lebensform als einen wissenschaftlichen Kongreß; was dort passierte, beispielsweise 1968, als die Nachricht vom Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei eintraf, konnte man im nächsten Heft der "Praxis" nicht einfach nachlesen. Man mußte schon dabeigewesen sein. Unter mediterranen Himmeln schließt sich zwangloser zusammen, was andernorts in ironischer Arbeitsteilung auseinanderfällt: theoretischer Ernst, moralische Entschiedenheit, radikaldemokratische Gesinnung, urbane Offenheit, dionysische Lust (Nietzsche hat bei unseren jugoslawischen Freunden seine Unschuld bis heute nicht verloren). Eine Parole wie "Freiheit oder Sozialismus" hatte in dieser Umgebung als Zeichen sprachlicher Inkompetenz gegolten und Heiterkeit erregt.

Daß die Jugoslawen mit ihrer Initiative Erfolg haben konnten, hatte viele Gründe. Drei Gründe drängen sich mir auf. Die bemerkenswerte Verbindung marxistischen Denkens mit Motiven Husserls, sogar Heideggers erlaubte Anknüpfungen an den frühen Marcuse, an Sartre, bot Querverbindungen zu Enno Paci und Karel Košik, ergab Kontakte zu "bürgerlichen Philosophen" wie Eugen Fink, Ludwig Landgrebe oder Volkmann-Schluck, sie sicherte auch von Anbeginn einen Pluralismus beim Versuch, undogmatisch an Marx anzuknüpfen.

Politisch relevanter sind die entschiedene Parteinahme der Praxisgruppe für die Ziele einer sozialistischen Selbstverwaltung und die unnachsichtige Kritik an allen Erscheinungsformen eines bürokratisch verstümmelten Sozialismus. Mit dieser Bürokratiekritik haben sich die Praxisphilosophen das Lebensthema Max Webers auf ihre Weise angeeignet, ein Thema, das bei uns in den letzten Jahren wieder von den Neokonservativen beschlagnahmt worden ist.

Schließlich verdankt die Praxisgruppe ihren Erfolg einem weiteren, kaum wägbaren Element: Alle führenden Mitglieder haben am Partisanenkampf gegen deutsche Truppen teilgenommen; sie genießen jene wortlose moralische .Autorität, die durch eine aufrechte Lebensgeschichte erworben wird. Was das Fehlen solcher Modelle bedeutet, wird jedem klar, der heute die innere Situation der Bundesrepublik mit unbefangenen Augen wahrnehmen kann.

Als 1974 die Belgrader Mitglieder der Praxisgruppe, die inzwischen von der Universität verwiesen worden sind, in stärkere Bedrängnis gereiten, ist ihnen ein internationales Komitee zu Hilfe geeilt, dem so bekannte Wissenschaftler wie A. Ayer, N. Chomsky, P. Ricoeur und H. von Wright angehörten. Das war eine der zahlreichen, nicht immer erfolgreichen Aktivitäten, mit denen Kollegen aus westlichen Ländern gefahrlos den Gefährdeten wenigstens rhetorisch Rückendeckung gegeben haben. So verliefen die Fronten bisher.

Ich frage mich, ob dieses Bild noch stimmt. Sind es nicht auch die Jugoslawen, die heute, uns helfen können? Zumal die intellektuelle Linke in der Bundesrepublik kann von den Praxisphilosophen den Umgang mit einer Bürokratie, die Gesinnungen verwaltet, lernen; sie kann lernen, wie man einer bürokratisch gezielten Demoralisierung widersteht. Bedauerlich genug – die Situationen hier und dort werden einander ähnlicher.