Von Dietrich Strothmann

Eine Konföderation zwischen Israel, Jordanien und den Palästinensern des westlichen Jordanufers könnte die Lösung des israelisch-arabischen Problems bedeuten." Dieser geradezu revolutionäre Vorschlag könnte von einem jener kompromißbereiten israelischen Parlamentarier stammen, die zwischen dem sensationellen Besuch des ägyptischen Präsidenten Sadat in Jerusalem und der angesetzten Vorfriedens-Konferenz in Kairo am Samstag dieser Woche so viel von sich reden machen. Da in der Knesseth die Zahl der Nachgiebigen wächst, die zu einem "massiven Rückzug" willens sind (Abba F.ban), wurde Ministerpräsident Begin schon wieder ungehalten: Beim Verzicht sollte es keinen Wettbewerb geben.

Doch jener höchst ungewöhnliche Vorschlag zur Grundlegung eines Nahost-Friedens stammt nicht aus diesen Tagen und nicht aus dem Munde eines waschechten "Konzessionisten". Vorgetragen wurde er im Dezember 1966, ein halbes Jahr vor Ausbruch des Sechstagekrieges; sein Autor ist Moshe Dayan, der Blitzsieger vom Juni 1967, dem damals von seinen Bewunderern der Ehrentitel "erster Soldat der Nation" verliehen wurde.

Heute, als Außenminister – wieder einsichtiger geworden nach den bitteren Lehren des verlustreichen Krieges vom Jom Kippur und den Fehlschlägen gegen das politische Potential der Palästinenser –, scheint der sonst so stahlharte, kompromißlose 62jährige Dayan an den Ausgangspunkt seines Denkens zurückgekehrt zu sein: Gleich viermal in nur wenigen Tagen forderte er die Parteien und die Öffentlichkeit auf, sich für die "Stunde der Entscheidung" zu rüsten, die eine "harte Wahl" verlange; als Gast in Bonn kündigte er am Wochenbeginn freimütig an: "Um des Friedens willen sind wir bereit, zahlreiche Risiken einzugehen." Moshe Dayan, den sich viele, nicht Araber allein, nur mit dem Stahlhelm vorzustellen vermögen, der sich höchst selten und dann wenigen zu erkennen gibt, ist willens, das wagnisreiche Spiel Sadats mitzuspielen: Auge in Auge, Zentimeter (Land) um Zentimeter (Frieden).

Der Falke mit den Taubenflügeln, die eigentümliche israelische Mischung aus Krieger und Politiker – das ist Dayan immer gewesen, seit er seine Schlachten schlägt, ob gegen anrennende Araber oder aufgebrachte Juden. Wenn er seine Ansichten änderte, auch die Parteien wechselte, so wurde ihm das Schimpfwort "Chamäleon" angehängt; wenn er sich abseits stellte, Freunde, die sich oft nur dafür hielten, fallen ließ, dann hieß er der "einsame Wolf". Stets aber war er, den Niederlagen nicht erdrückten und Siege nicht übermütig werden ließen, für Überraschungen gut. Unverdrossen hielt er seinen wenigen Grundüberzeugungen die Treue: daß alle noch so triumphalen Erfolge auf dem Schlachtfeld nicht automatisch zum Frieden führen; daß die Araber nur durch eine Politik des praktizierten Zusammenlebens an die Existenz Israels gewöhnt werden können; daß politische Sicherheit vor militärischer Sicherheit zu rangieren hat.

Nachdem nun Sadat als erster arabischer Staatsmann auf die Juden zugegangen ist, ihnen glaubhaft Frieden angeboten hat, ist die Gruppe der Unnachgiebigen in Israel geschrumpft. Nachdem selbst Ultranationalisten in den extremen Regierungsparteien des Likud und der Religiösen schwankend geworden waren, ist die Stunde des Friedenspolitikers Dayan gekommen. Selbst ein Dogmatiker wie Ministerpräsident Begin, der geahnt haben mußte, warum er nach seinem Wahlsieg den pragmatischen Außenseiter Dayan zu seinem Außenminister erkor, stimmt bereits andere Töne an: Er beschwört nicht mehr altes, biblisches Recht auf die "befreiten Gebiete" am Jordanufer; er betont, daß "alles verhandlungsfähig" sei; er stellte seine Stoßtruppgarde, die wilden Siedler der Bewegung Gusch Emunim, unter Militäraufsicht; er erhob nicht einmal Einwände dagegen, daß Sadat auch PLO-Funktionäre zur Kairoer Konferenz einlud.

Schon hat fast so etwas wie ein Umsturz aller alten Werte begonnen, auch in Kreisen, in denen es bisher als tabu galt: Für einen Separatfrieden mit Sadat kann der gesamte Sinai geräumt werden, der Außenposten Sharm el Sheich eingeschlossen (den Israel notfalls von den Ägyptern auf Zeit pachten könnte). Heute sagt selbst Moshe Dayan nicht mehr: "Lieber Sharm el Sheich ohne einen Frieden, als ein Friede ohne Sharm el Sheich." Für einen anschließenden Sondervertrag mit Jordanien etwa könnte dem größten Teil des Westufergebietes ein autonomer Status eingeräumt werden, mit zeitlich befristeter Militärpräsenz der Israelis. Heute ruft nicht einmal mehr Begin seinen Außenminister zur Ordnung, der postuliert: "Wo unsere Siedlungen liegen, muß nicht unsere Grenze verlaufen." Und wenn eines Tages Syrien dem ägyptischen Beispiel folgen würde, wäre auch der Golan kein unüberwindliches Hindernis mehr. Wenn die "Konfrontationsstaaten" friedliche Nachbarn würden, wäre auch eine Regelung für die Altstadt Jerusalems keine bloße Utopie mehr.