Von Michael Stirm

Alles, was wir sehen und was nicht von Gott geschaffen wurde, ist von einem Designer oder Architekten entworfen worden." Wenn es nach diesem Ausspruch des Herzogs von Edinburgh ginge, müßte es vor Designern und Architekten nur so wimmeln. Leider wimmeln sie an der falschen Stelle, nämlich auf dem Arbeitsamt; denn von 100 Designabsolventen finden lediglich 37 einen festen Arbeitsplatz, und weitere 17 fristen ihr Dasein mit gelegentlichen Aufträgen. Der Rest geht stempeln oder wandert in andere Berufe ab.

Die Situation hat sich seit Anfang der siebziger Jahre deutlich verschlechtert. Die damalige, gegen den herkömmlichen Hochschulbetrieb aufbegehrende Studentengeneration schaffte zunächst alles ab, unter anderem auch jegliche Leistung. Auch die Studieninhalte wurden umgekrempelt; und fortan bestimmten die Studenten selber, was sie zu studieren gedachten. Entwurf, Zeichnen, Gestaltungsübungen und die ganzen technischen Fächer wie Konstruktion, Ergonomie und Verarbeitungstechniken wurden nicht mehr trainiert, sondern nur noch diskutiert. Gute und durchdachte Entwürfe wurden immer seltener, aufgeblasene, pseudowissenschaftliche "Theoriearbeiten" nahmen überhand.

Hinzu kam durch die Neuordnung der Werckunstschulen in drei Kategorien (Fachhochschulen, Gesamthochschulen und Hochschulen) an weit über 30 Ausbildungsstätten eine Begriffsinflation des Designberufes hinzu. Das Modewort Design verbreitete sich ähnlich der Cholera. Photographen wurden zu Photodesignern, Graphiker zu Graphikdesignern, Textilentwerfer nennen sich heute Textildesigner – bis hin zu den Berufen wie Media- und Educationdesign. Wen kann da das gesunde Mißtrauen der Industrie gegenüber verwaschenen Berufsbezeichnungen und leider oft mangelhafter Qualifizierung wandern?

Durch den wirtschaftlichen Rückgang in den Jahren 1973/74 wurden weitere Verschlechterungen ausgelöst: Neueinstellungen von Designern gingen erheblich zurück; und diese düstere Berufszukunft ließ aus revoltierenden Studenten bienenfleißige Jasager entstehen. Eine Entwicklung, die keiner ernsthaft wünschen konnte und die auch niemandem nützte.

Die Aufnahmefähigkeit des eigentlichen Kernberufes, des Industriedesign, leidet zudem noch an seiner relativen Jugend; denn erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Industriedesigner in größerem Umfang ausgebildet. Diese Designer der ersten Stunde stehen natürlich alle noch im Berufsleben, so daß die dann nachwachsenden Designer ihren Arbeitsplatz nur dem größer werdenden Interesse und der Aufnahmefähigkeit einer stetig wachsenden Industrie verdankten. Zur Zeit aber läßt sich eine deutliche Sättigung feststellen, obwohl es noch vielen Unternehmen gut bekommen würde, wenn sie sich intensiver mit Design befassen würden. Lediglich zehn Prozent der Industrieunternehmen beschäftigen Designer. Manche Produkte sind daher so schlecht zu handhaben und sehen so häßlich aus, daß es immer wieder verwundert, daß sich solche Erzeugnisse überhaupt verkaufen lassen.

Während die Ausbildung unter dem Druck des Marktes und allgemeiner Anstrengungen mehr und mehr versachlicht und effektiver wurde, sind doch noch weitere Schwachpunkte im Studiengang geblieben oder neue hinzugekommen. Da der Industriedesign-Beruf nicht wissenschaftlicher, sondern technisch-praktisch-kreativer Natur ist, muß die neuerdings geltende Studienvoraussetzung "Abitur" als ungenügend bezeichnet werden. Eine abgeschlossene Berufsausbildung (Lehre) in einem technischen Fach wäre nach wie vor die bessere Voraussetzung. Außerdem wird das Zeichnen, sowohl das technische als auch das freihändige, immer noch sträflich vernachlässigt. Diese Fähigkeit hat für den Designer ähnliche Bedeutung wie für einen Arzt die Handgriffe zur Diagnoseerstellung. Wer als Designer nicht zeichnen kann, bleibt ein Berufskrüppel. Alle Ideen, alle Aufgaben lassen sich nur über Zeichnungen umsetzen. Je virtuoser daher ein Designer mit dem Zeichenstift umgehen kann, desto effektiver wird seine Arbeit sein.