Antonin Artaud – Leben und Werk

Von Peter von Becker

Er war eine Jahrhundertgestalt und so fast alles: Dichter, Regisseur, Theaterdirektor, Philosoph, Surrealist, Essayist, Ethnologe, Anthropologe und Wahnsinniger. "Ich, Antonin Artaud, ich bin mein Sohn, / mein Vater, meine Mutter / und ich selbst." Seit seinem Tod aber ist er noch immer mehr ungelesene, unerhörte Legende als in seinen Schriften Vergegenwärtigter – Artaud, der seltsame Heilige, den die intellektuellen Freaks der westlichen Welt wie eine aparte Nachgeburt fern östlicher Weisheit verehren und den die zurückhaltender Gebildeten zumindest, aber selten darüber hinaus, als Erfinder jenes vielberaunten Theaters der Grausamkeit zitieren.

Antonin Artaud wurde am 4. September 1896 in Marseille als Sohn eines Schiffbauingenieurs und einer aus Kleinasien stammenden Griechin geboren. Noch im selben Jahr wurde in Paris der "Ubu Roi" Alfred Jarrys uraufgeführt. Dieses Ahndrama des modernen Theaters mit seinem ersten Wort "Merdre" ("Schreisse") erlebte damals nur zwei skandalöse Aufführungen, gerade wie 30 Jahre später die erste Produktion des Théâtre Alfred Jarry, einer Gründung Artauds zusammen mit Roger Vitrac und Robert Aron. Jarry starb 1907 an Hirnhautentzündung – sechs Jahre zuvor hätte eine Meningitis Artaud schon beinahe umgebracht. Zum erstenmal beinahe, denn Artauds Leben blieb mörderisch bis zu seinem Tod durch Darmkrebs am 8. März 1948. Davor auch neun Jahre Irrenhäuser – von Artaud sehr wohl als Haft- und nicht als Heilanstalten begriffen.

Die Verweise auf Jarry? Weil Artaud selbstbewußt immer wieder die Verwandtschaft einer Avantgarde wählte und beschwor, die tatsächlich delirierend, wahnsinnig, nervenfiebernd oder wenigstens (in Mauern) für verrückt gehalten, verendet ist. Artauds fixe Größen sind Hölderlin, Poe, de Sade, Baudelaire, Gérard de Nerval, Nietzsche, Lautreamont, Rimbaud, auch Jarry und zuletzt, als Spiegelbild, van Gogh. Namen, mit denen man jetzt, sagt Georges Bataille, den Antonin Artauds vereinen kann.

,,So sehr ich auch das Theater liebe, / so sehr bin ich aus demselben Grunde sein Feind." Das ist nicht erst eine spielerisch-dialektische Finte Thomas Bernhards (der am Salzburger Mozarteum einst eine verschollene Diplomarbeit über Artaud verfaßt hat), und auch der Satz "Alles Geschriebene ist Schweinerei" wurde von Artaud geschrieben: Von ihm, der das Theater aus den Fesseln der Literatur befreien wollte und selbst doch versessen und mit einer poetisch erregenden Schönheit wie kaum ein anderer übers Theater auf dem Papier gehandelt hat. Solche Widersprüche lassen sich freilich nicht schon auflösen, indem man sagt, Artaud habe nur ein anderes Theater als das der Racineschen Sprechmittel und eine andere Literatur als seine zeitgenössische erwünscht. Vielmehr war Artauds Leiden die lebenslängliche Gewißheit, in Europa, in Frankreich nur die vorhandene Sprache – und das heißt auch: die existierende Kultur, nur diese Welt – vor sich zu haben. Artauds Widersprüche in seiner Schizophrenie erschienen ihm als der individuell vergrößerte, verschärfte Riß durch eine zuerst religiös, dann, seit dem Durchbruch moderner Naturwissenschaften, zweckrational auf die Antagonie zwischen Körper und Geist, auf die Trennung von Kopf und Handarbeit geeichte Zivilisation. Die Selbstverwundung einer Gesellschaft, die das Widersprechende und das Abweichende als Anomalien aus ihrem Vernunftbegriff verbannt, oft auch verfolgt hat und den ernstlich Anderen ein- und ausschließt, niederspritzt, ausdragiert oder elektroschockt. Artaud schreibt 1947, fast 15 Jahre vor Foucaults berühmter Studie über die Geschichte des Wahnsinns, in der Einleitung zu seinem nun auf Deutsch erschienenen Essay über van Gogh, den "Selbstmörder durch die Gesellschaft ("Le Suicide de la société"):\ "Was ist ein wahrer Geisteskranker? Das ist ein Mensch, der es vorgezogen hat, verrückt zu werden, im gesellschaftlichen Sinne des Wortes, ... denn ein Geisteskranker ist auch ein Mensch, den die Gesellschaft nicht hören... und den sie daran hindern wollte, unerträgliche Wahrheiten zu äußern." Also wurde als Gegenmittel "die Psychiatrie erfunden". Im Kapitalismus wie im herrschenden Sozialismus. Artaud über Baudelaire, Poe, Nerval und Isidore Ducasse alias Comte de Lautreamont, den Verfasser der recht ungeheuerlichen "Gesänge des Maldoror": "Man fürchtete, ihre Poesie könnte aus den Büchern heraustreten und die Wirklichkeit auf den Kopf stellen

Verfolgung und Verfolgungswahn – beide gehören zusammen wie die Maßlosigkeit – das heißt, der Bruch mit Konventionen und sozialen Normen – in Artauds Denken und seine leidenschaftliche Überschätzung des Furchterregenden aller Poesie. Doch konnte er eben die Poesie, die rituelle Magie und das Phantastische, in geschichtlicher Überlieferung mindestens einmal für kurze Zeit an der Macht wähnen: Während der Regentschaft Heliogabals, des römischen Kaisers und noch minderjährigen, aus Syrien stammenden Sonnenpriesters, der 218 nach Christi Geburt hinter 300 halbnackten Mädchen und ebenso vielen, vor einen monströsen Phallus gespannten Stieren in Rom einzieht und dort eine permanente, rasende Revolte gegen alle religiösen und staatlichen Bräuche entfacht: so plante er, Präfekten zur Verderbung der Jugend einzusetzen, oder Ämter nach der Länge des Penis zu vergeben. 222 endet Heliogabal dann in den Tiber-Latrinen, von seinen Prätorianern samt inzestuös verbundener Mutter erschlagen und gehäutet.