Wer hätte sich nicht auch schon mal, unterwegs ganz fern der Heimat, beim Anblick eines Zipfels Schwarz-Rot-Gold plötzlich ganz kolossal geborgen gefühlt? So können wir denn Frau Elisabeth Korah-Go gut verstehen, die im Auftrag des Kapitäns M. T. Korah von MS Yogyakarta an den Herrn Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg schrieb:

"Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Wenn wir, indonesische Seeleute, vor und für längere Zeit die Heimat verlassen haben, um die halbe Welt gefahren sind, ist es tatsächlich ein wundervolles Erlebnis, in Hamburg mit den Klängen unserer Nationalhymne begrüßt zu werden. Es ist ein schönes Willkommen und auf der ganzen Welt ein Unikum. Sicherlich ist auch die Nationalfahne als optische Begrüßung gedacht. In unserm Fall aber verehrt man uns mit der umgekehrten holländischen Fahne: Blau-Weiß-Rot.

Möglich, daß es manchen Leuten nichts ausmacht, uns aber ist es widerlich und einem Teil der Mitbürger dieser Welt gegenüber – die ja sogar Ihre nächsten Nachbarn sind – nicht sehr taktvoll. Wenn es so schwierig sein sollte, eine richtige indonesische Fahne zu erhalten, und auch unser Konsulat in Hamburg keine spenden könnte – dann lieber ohne. Mit unserer Fahne bitte keine Spielerei ... unseretwegen brauchen wir auch keine. Mit vorzüglicher Empfehlung..."

Der eingeschriebene Brief schlug in der Senatskanzlei wie eine Silvesterbombe ein, und dort beeilte man sich, Frau Korah-Go über ein Mißverständnis staatsamtlich, aber freundlich aufzuklären. Postwendend antwortete die Kanzlei:

"Jedes einlaufende bzw. auslaufende Schiff wird an der Schiffsbegrüßungsanlage in Schulau mit der jeweiligen Nationalhymne und in der jeweiligen Landessprache begrüßt und verabschiedet. Dabei wird nur die Hamburg-Flagge, die das Hamburger Wappen in Weiß auf rotem Grund darstellt, gedippt, nicht jedoch die Nationalflagge des gerade passierenden Schiffes. Die von Ihnen erwähnte, am Mast der Schiffsbegrüßungsanlage befindliche blau-weiß-rote Flagge stellt die Flagge mit den Landesfarben des Bundeslandes Schleswig-Holstein dar, auf dessen Gebiet die Schiffsbegrüßungsanlage in Schulau belegen ist..."

Frau Korah-Go und die Männer von MS Yogyakarta wissen nun Bescheid. Aber ihre vielen seefahrenden Landsleute, nicht ahnend, daß Schulau nicht einfach in Hamburg liegt, sondern in Schleswig-Holstein belegen ist, sind weiterhin dem Mißverständnis ausgesetzt, da mache sich einer auf ihre Kosten einen Jux am Fahnenmast.

Was tun? Nunmehr Schleswig-Holsteins Farben verkehrt aufhängen? Das wäre wohl auch in indonesischen Augen nur sehr bedingt ein Fortschritt. Nein, mit dem Risiko, als Witzbold mißverstanden zu werden, muß man an der Elbe leben. Die Gefahr, daß einer die Klänge aus dem "Fliegenden Holländer", die zur Begrüßung aus Schulauer Lautsprechern über die Wasser schallen, für die umgekehrte Hymne der Niederländer hält, ist gottlob ja vergleichsweise gering.

Aloys Behler