Trotz Dissidenten-Amnestie: die Debatte über Theorien bleibt ein Tabu

Von Gajo Petrovic

Der jugoslawische Philosoph Gajo Petrovic gehört zu den Mitbegründern der Gruppe "Praxis".

*

Die Situation der Zeitschrift "Praxis" und der Sommerschule von Kordula ist mit den Worten "es schwirrt von Gerüchten und Halbinformationen" am besten beschrieben. Manchmal liest man auch "kleine Nachrichten", die "da und dort" erscheinen und einander oft widersprechen. Wie mir scheint, sind diese Nachrichten manchmal oberflächlich oder böswillig geschrieben, manchmal stellen sie aber einen ehrlichen Versuch dar, komplizierte Entwicklungen zu verstehen.

In der Tat ist die jetzige "Seinsweise" der Zeitschrift "Praxis" und der Sommerschule von Kordula keineswegs klar: Die beiden "Sachen" existieren und existieren zugleich nicht. Nachdem es 1974 die damalige Druckerei von "Praxis" abgelehnt hat, die Zeitschrift weiter zu drucken, konnten wir keine Nummer mehr veröffentlichen. Die Zeitschrift wurde aber weder verboten, noch durch Beschluß der Redaktion eingestellt. So existiert sie noch immer ganz legal, obwohl sie vorläufig nicht gedruckt werden kann.

Auf der letzten Jahresversammlung der Kroatischen Philosophischen Gesellschaft, am 5. Juni 1977, habe ich den Bericht der Redaktion von "Praxis" erstattet und die Ansicht vertreten, daß die Verhinderung des Erscheinens der Zeitschrift der jugoslawischen Philosophie und dem jugoslawischen Sozialismus großen Schaden gebracht hat, und daß das neue Erscheinen der drei Ausgaben von "Praxis" (der jugoslawischen, der internationalen, der Taschenausgabe) im Interesse der Philosophie und des Sozialismus wäre. Die Gesellschaft der Philosophen hat uns darauf wieder Vollmacht für zwei Jahre gegeben, in welcher Frist die Wiederbelebung der Zeitschrift versucht werden soll.