Die Bundesrepublik steht unter zwei großen Erfahrungen, die sie wesentlich geprägt haben: die Zerstörung der Weimarer Demokratie durch die nationalsozialistische Machtergreifung 193233, und die Errichtung einer zweiten Diktatur im Osten Deutschlands - nach 1945. In beiden Fällen handelte es sich um die Durchsetzung einer Einparteienherrschaft mit totalitärem Anspruch. Der Totalitarismus von rechts und links war die grundlegende Erfahrung, und daraus folgte, daß das Selbstverständnis der zweiten deutschen Republik auf einem offenen Demokratiebegriff beruhte und sich Verfassungs- , Institutionen schuf, die gegen totalitäre Tendenzen schützen sollten.

Die Entstehung des Grundgesetzes stand unter diesem Grundkonsens aller tragenden politischen Kräfte. Eine Wiederholung der Weimarer Katastrophe erforderte vor allem, daß es nicht mehr zu jener Aushöhlung der Demokratie durch die Polarisierung und die Obstruktion antiparlamentarischer Bewegungen kommen konnte, und schließlich zu jener "unechten Mehrheit" von rechts- und lirikstotalitären Diktaturparteien, deren Gemeinsamkeit nur noch im Sturz des freiheitlichen Rechtsstaates bestand.

Aber dazu genügte nicht eine antifaschistische Orientierung: Sie konnte sogar irreführend wirken (wie in der DDR), wenn sie nicht von einem Demokratieverständnis getragen war, das beiden Bedrohungen entgegenstand: der erneuten Selbstzerstörung, auf pseudodemokratischem Wege wie 1933 und einer Linksdiktatur nach volksdemokratischem Muster, wie sie im Namen des Antifaschismus unter dem Schutz der Roten Armee betrieben wurde. Dieser doppelten Gefährdung zu begegnen, das hieß das Totalitäre im Rechtswie im Linksradikalismus zu erkerinen und zugleich den Verführungen eines geschlossenen Demokratiebegriffs zu widerstehen.

Vor diesem Hintergrund mußte es von schwerwiegender, das Selbstverständnis der Bundesrepublik treffender Bedeutung sein, wenn der Totalitarismusbegriff in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion durch den Faschismusbegriff ersetzt wurde, wie dies im Laufe der sechziger Jahre weithin geschah. Das war mehr als ein akademischer oder publizistischer Streit um Begriffe, wie herablassend höhnisch gespottet wird, während man sich dem Geist und der Sprache der Zeit anpaßt. Es war ein Politikum von erstrangiger psychologischer Bedeutung, und es konnte einer Verschiebung der politischen Maßstäbe und Werte, einer wahrhaften Systemveränderung Vorschub leisten. Gleichzeitig mit dem Marsch durch, die Institutionen begann ein Marsch durch die Wörter.

Die Ersetzung oder Verdrängung des antitotalitären durch das antifaschistische Verständnis der Demokratie ermöglichte es auch liberalen Meinungsträgern, auf marxistisch kommunistische Denkformen einzuschwenken. Faschismustheorien wurden die große Mode, die Sowjetformel vom "deutschen Faschismus" wurde weithin nachgeredet, und dieGeneralisierung des Faschismusbegriffs erfolgte auf Kosten der Unterscheidung zwischen totalitärer und demokratischer Politik. Die geistigen Folgen sind unübersehbar. Denn hier geschah zugleich ein allmählicher Abbau jener Hemmungen und Schutzvorkehrungen der "wehrhaften Demokratie", die Staat und Gesellschaft vor neuen Polarisierungen und extremen Ideologisierungen bewahren und verhindern sollten, daß die pluralistische Demokratie wieder in den Bann jener undemokratischen Alternative geriet, von der sie einst betört und zerstört wurde: jener vorgeblich einzigen Alternative "Kommunismus oder Faschismus", also links- oder rechtsradikale Lösung, auf die so viele Zeitgenossen der dreißiger Jahre hereinfielen (Man vergleiche Arthur Koestlers Memoiren ) Das Entscheidende an der Verfemung oder Tabuisierung des Totalitarismusbegriffs und der Renaissance des Faschismusslogans auch in der ernsthaften Literatur scheint mir nun, daß die demokratiekritischen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre sich ihrer in doppelter Weiss zu bedienen vermochten; zur hyperkritischen Verdächtigung des parlamentarischen Repräsentationsprinzips durch antikapitalistische Verschwörungstheorien, und zur Etablierung einliniger, neototalitärer Denk- und Handlungsweisen, wie sie in das Umfeld speziell deutscher Gewalttheorien oder jedenfalls in den sie tragenden Hintergrund gehören.

Wir beobachten einen zweifachen Zusammenhang zwischen der Totalitarismusproblematik und der Verbreitung von Gewaltlehren. Zum einen die Aushöhlung der Abwehrbereitschaft, indem die rechtsstaatlichen Grundlagen als bloße "Formaldemokratie" abgewertet werden, 1 ihr antitotalitärer Grundzug verkannt wird — im Namen politischer Opportunität, sozialer Wandlungen und eines Prozeßdenkens, das im sozialwissenschaftlichen Gewand die Relativierung politisch moralischer Maßstäbe bewirkt. Zum anderen aber: die tatsächliche Anwendung totalitärer Denk- und Verhaltensweisen in der Begründung und Rechtfertigung von Gewaltphilosophien, auf die man sich im Namen einer Identität von Theorie und Praxis, der wahren Volksherrschaft oder totaler Herrschaftslosigkeit im scheindemokratischen, utopischen Sinne beruft.

Beides greift dabei ineinander: intellektuelle Nachgiebigkeit und Kult der Aktion. Die verführerische Theorie von der "Gegengewalt", die gegen die "strukturelle Gewalt" des Staates und der angeblichen Klassengesellschaft erlaubt und geboten sei, spielt hier eine wichtige Rolle. Sie liefert das intellektuelle Rüstzeug zum Ausbruch aus der Gesellschaft und ermöglicht ein anfängliches Verständnis für die Taten des Terrorismus. Durch die Machtergreifungen unseres Jahrhunderts seit Lenin, Mussolini und Hitler haben wir erfahren, was die Analysen von Hannah Arendt bis Leonard Schapiro verdeutlichen: Gewalt und Terror, in welchem ideologischen Gewände auch immer, sind integrierender Bestandteil totalitärer Bewegungen und Regime; und jeder politische Terror enthält totalitäre Wurzeln und Motive. Terroristische Mentalität richtet sich auf die völlige Vernichtung des politischen Feindes, des Kompromisses und des Rechtsstaates, und zwar mit allen Mitteln; sie bedarf dafür jener Formeln der terribles simplificateurs, die eine einzige Lösung für alle Probleme verheißen: die totalitäre Versuchung in einer komplizierten Welt, die totalitäre Erlösung.