Von Alexander Rost

Touristen gehen da nicht hin; doch von der Towermauer können sie hinüberblicken zu dem Säulentempelchen, wie es einem Architekten einfällt, dem sonst nichts einfällt und der ein Ehrenmal zu bauen hat: Das Tower Hill Memorial in London ist die Gedenkstätte für die 37 701 britischen Seeleute der Handelsflotte, die in beiden Weltkriegen ihr Leben ließen. Die meisten kamen durch deutsche U-Boote um.

Seinen Handelsmännern hatte Großbritannien mehr zu danken als den Garderegimentern. "Das einzige, was ich während des (Zweiten Welt-)-Krieges wirklich gefürchtet habe, war die U-Boot-Gefahr", schrieb Winston Churchill. Die U-Boote hatten schon im Ersten Weltkrieg das Inselreich an den Rand der Versorgungskatastrophe gedrängt; und das Hungergespenst wurde erst verscheucht, als 1917 die Admiralität das Geleitzug-System befahl. Im Zweiten Weltkrieg wurde es von Anfang an eingeführt.

Man fuhr zur See wie in jenen Zeiten, als Krieg, Handel und Piraterie dreieinig waren, die Handelsschiffe in einer Gruppe, eskortiert von Kriegsfahrzeugen. Im Konvoi waren Krieg und Handel zusammengezwungen. Daß übrigens in solcher Lage und bei dem Unterbewußtsein, das sie weckte, die U-Boot-Fahrer als Piraten empfunden und auch so bezeichnet wurden, ist für jeden, der sich in der Psychologie der sogenannten Christlichen Seefahrt etwas auskennt, nicht weiter verwunderlich. Was da fast immer nachts anschlich, ohne Warnung schoß und keinen Rettungsversuch unternahm, das mußte eben barbarisch-piratisch wirken, zumal der Seemann von Natur aus hilfreich ist. Einem Rettungsmanöver hat er im Frieden sich nie entzogen. Im Krieg allerdings hat ihn die U-Boot-Angst nicht selten daran gehindert.

Die meisten Berichte schildern den U-Boot-Krieg in der Sehrohrperspektive: Angriff, ran, versenken, Ritterkreuz! Wie er für den Angegriffenen aussah, wie das war in Lärm und Feuer und Krach und lähmender Stille, hat man, in Deutschland jedenfalls, nur vage zur Kenntnis genommen. Jetzt endlich erfährt man es präzise:

Martin Middlebrook: "Konvoi", aus dem Englischen übertragen von Erwin Duncker; Verlag Ullstein, Berlin 1977; 296 Seiten, 10 Karten und Pläne, 27 Photos, 38,– DM.

Der Untertitel heißt "U-Boot-Jagd auf die Geleitzüge SC.122 und HX.229". Das Wort U-Boot-Jagd ist hier falsch (denn es benennt die Jagd auf U-Boote und nicht der U-Boote). Mit den Bezeichnungen Kapitän (eines Handelsschiffes) und Kommandant (eines Kriegsfahrzeuges) geht’s zuweilen durcheinander; und Torpedos werden nicht "abgefeuert" (sondern losgemacht oder schlicht geschossen). In der sonst I-Punktgenauen Darstellung dürften solche Fehler aufs Konto der Übersetzung gehen, die ansonsten nicht holpert.