Von Rudolf Walter Leonhardt

Die gern beschworene alte Burschenherrlichkeit hat auch die Generation der Väter nie kennengelernt. Als sie Ende der vierziger Jahre studierten, war Geld kein Problem. Keiner hatte welches. Neid konnte nicht aufkommen. Stipendien gab es kaum, und an ein Bundesausbildungsförderungsgesetz war noch nicht zu denken. Die Berufsaussichten waren miserabel. Es gab in Deutschland nicht eine Million, sondern zwei Millionen Arbeitslose.

Die Väter haben nicht gestreikt. Nicht, weil sie folgsam und artig – heute sagt man "angepaßt" – gewesen wären. Aber: Sie hatten ein Ziel – möglichst schnell fertig werden; sie hatten keinen Bedarf an Aktionen – davon hatten sie genug gehabt; und sie wußten: Ein Studentenstreik ändert gar nichts.

Warum streiken die Studenten heute? Das ist die Frage. Nicht: ob "Streik" das falsche und "Vorlesungsboykott" das richtige Wort ist. Nicht: ob der Vorlesungsboykott erlaubt ist. Nicht: ob dieser Streik von "der überwältigenden Mehrheit" getragen wird, wie die links-aktiven Studenten behaupten, oder von "einer kleinen Minderheit geschürt", was der konservativen Auffassung entspricht.

Vordergründig richtet sich der Streik gegen das Hochschulrahmengesetz des Bundes, das die sozial-liberale Regierungskoalition, der die meisten Studenten ihre Wählerstimme gegeben hatten, gewollt und verabschiedet hat. Das war vor zwei Jahren. Es war ein schlechtes Gesetz. Der verständliche Wille, endlich alle Bundesländer auf eine gemeinsame Hochschulpolitik zu verpflichten, endlich ein jahrelang diskutiertes Thema abzuschließen, das Gesetz durch den Bundesrat zu bringen, führte zu faulen Kompromissen zwischen Regierungs- und Oppositionsparteien. Die Studenten schien das damals nicht zu stören.

Im nächsten Jahr müssen die Länder ihre Landeshochschulgesetze so formuliert haben, daß sie dem Bundesrahmengesetz entsprechen. Und jetzt streiken die Studenten, um die Verabschiedung der Landeshochschulgesetze hinauszuzögern (was nichts bringt) und eine Novellierung des Bundesrahmengesetzes zu erzwingen (an die bei der derzeitigen Bonner Konstellation gar nicht zu denken ist). Sie haben sich drei wunde Punkte aus dem Hochschulrahmengesetz herausgepickt:

1. Das politische Mandat der "verfaßten" Studentenschaft, in der jeder Student zwangsweise Mitglied ist, soll nicht genehmigt werden. Eine solche zwangsweise Mitgliedschaft hat auch autoritäre Traditionen. Aber wenn man sie denn aus akzeptierbaren Gründen gelten läßt, dann wird man dieser Standesvertretung schon auch zubilligen müssen, die Fragen, die ihr so wichtig erscheinen, daß sie sich dazu äußern möchte, selber zu wählen.