ARD, Montag, 5. Dezember, 21.45 Uhr: "Drinnen, das ist wie draußen, nur anders – Protokolle aus einer psychiatrischen Anstalt" von Michael Mrakitsch. Kamera: Peter C. Koop.

Eine nicht verkraftete Scheidung, Depressionen, Selbstmordgedanken, Durchdrehen, wenn Worte nicht mehr weiterhelfen und sich Hilflosigkeit in Zerstörung entlädt, Eltern, die nichts verstehen, der Mangel an Liebe: Alltägliche Probleme und Situationen, in denen viele Menschen sich befinden. Doch sie landen deshalb nicht im Irrenhaus, weil ihr soziales Umfeld aus Familie, Freunden, Kollegen, einem Therapeuten und einer einigermaßen gefestigten beruflichen Situation so beschaffen ist, daß es sie in Krisen auffängt. Von jenen, bei denen dies alles versagt, die vielleicht nicht kränker, aber schwieriger, gänzlich allein gelassen, sozial schon abgestiegen sind, handelt der Film und davon, mit welchen Mitteln man ihrem Problem zuleibe rückt. In einer zweiteiligen Dokumentation (nur unterbrochen durch die Spätausgabe der Tagesschau) beschreibt der Autor Michael Mrakitsch in der Reihe "Reservate" von Radio Bremen den Alltag in einer psychiatrischen Anstalt. Es ist ein Dokument der Hilflosigkeit aller Beteiligten, das dem sensiblen Zuschauer an die Nieren gehen wird.

Dort, wohin man die Schwierigen abschiebt, zwangseinweist (es sind fast 120 000 Menschen), ergeht es ihnen nicht besser, nur anders. Auch hier kümmert sich niemand um sie, forscht niemand nach den Ursachen ihres Leidens. Denn die Psychiatrie ist nicht so beschaffen, auch jene offenbar nicht, die in dem als fortschrittlich geltenden Landeskrankenhaus Düren praktiziert wird, der Anstalt, in der der Film entstand. Hier wie anderswo gelten die gleichen Prinzipien: Die Krankheit wird verwaltet, soll technisch kuriert werden. Nicht die Therapie, sondern die Pharmazie bestimmt den Zustand des Patienten. Wie in Trance sprechen und bewegen sie sich vor der Kamera. Nur die "Neuen" rebellieren noch, wollen ihre Medizin nicht schlucken. Doch die, die schon länger in der Anstalt sind, raten ihnen zur Anpassung: "Nimm deine Medizin ruhig, du brauchst sie", sagt ein Mann, der schon körperlich zerstört ist, der sich nur noch im Zeitlupentempo bewegen kann, "ich brauche sie auch."

"Jeder der Beteiligten büßt in dieser Situation ein Stück Menschlichkeit ein": die Angehörigen, die eigene Fehler verschweigen und alles auf Schwierigkeiten am Arbeitsplatz abschieben; der Kranke, der sich als Gefangener empfindet, der in seiner Hilflosigkeit sogleich auf eine passive Patientenrolle festgelegt wird. Der Arzt fragt, der Patient antwortet, der Arzt verordnet Medikamente, der Patient schluckt sie, der Arzt konfrontiert den Patienten mit einer schonungslosen Diagnose: Abnorme Persönlichkeit, Verfolgungswahn, Schizophrenie, der Patient versteht nicht.

Klar wird in dieser Dokumentation ebenfalls, wie sehr auch die Rolle des Arztes festgelegt ist. "Die Unterbringungsgesetze", erklärt Autor Michael Mrakitsch, "gleichen Schutz- und Ordnungserlassen. Ein Recht auf Behandlung ist in ihnen nicht festgelegt. Der Patient ist zunächst einmal ein Sicherheits- und Ordnungsrisiko und erst in zweiter Linie ein Kranker." Fast jede seelische Krankheit hat soziale Ursachen, doch sie zu erkennen und zu behandeln, ist der Arzt in einer isolierten Institution nicht in der Lage. Er wird zum "hilflosen Fürsorger" in einer Anstalt zur "Disziplinierung gesellschaftlicher Grenzgänger". Eine harte Schlußfolgerung, der sich aber nach diesem eindrucksvollen Film so leicht wird niemand entziehen können. Ein Arzt sammelt im Gespräch mit einem weinenden Patienten nur noch Symptome ein, um ein Medikament dann höher oder niedriger zu dosieren. Ein anderes Mal spricht er mit einem verzweifelten älteren Mann und versichert ihm: "Sie werden gesund, mit Sicherheit", und zu seinem Kollegen gewandt: "Wir müssen über die Medikamentierung sprechen."

Ein Patient, der seit zwölf Jahren in der Anstalt ist und schon durch alle Abteilungen verschoben wurde, hat einen Plan seiner "Anstaltskarriere" gezeichnet. Auf ihm gehen alle Türen nur nach innen auf. Margrit Gerste